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Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich stellt ein neues Anti-Doping-Gesetz in Aussicht © getty

Der Doping-Gipfel gerät zur Farce. Der Innenminister spielt auf Zeit. Politiker und Wissenschaftler attackieren Autor Spitzer.

Berlin - Am Ende seines 75-minütigen "Verhörs" wurde Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich dann doch noch nervös.

"Man fühlt sich hier richtig veräppelt", rief ihm Grünen-Politikerin Viola von Cramon zu: "Fangen Sie endlich an zu handeln. In der Studie steht doch alles drin über Doping-Forschung in Deutschland." (BERICHT: Doping-Studie im Netz)

Friedrich spielt auf Zeit

Doch Friedrich fing nicht an. Der Minister nahm in der Sondersitzung des Sportaussschusses im Deutschen Bundestag keine Stellung zu dem zentralen Punkt der umstrittenen Doping-Studie.

"Erst wenn sich die Fachleute mit der Studie beschäftigt haben, können wir sie bewerten", sagte Friedrich.

Neues Doping-Gesetz angekündigt

Stattdessen untermauerte der Minister lieber seine neu entdeckte Sympathie für ein Anti-Doping-Gesetz: "Es wird am 26. September eine Expertenrunde geben", kündigte Friedrich an und stellte ein neues Gesetz in Aussicht: "Wenn wir neue Vorschriften brauchen, dann machen wir das."

Enttäuschung bei Opposition, DOSB sieht Positives

Die Ausschuss-Vorsitzende Dagmar Freitag machte aus ihrer Enttäuschung nach der knapp vierstündigen Sitzung keinen Hehl. "Ich hätte mir aus dem Hause des Ministers klarere Antworten gewünscht", sagte die SPD-Politikerin.

"Es gab wenig Erhellendes, dennoch hat es sich gelohnt, auf dieser Ebene über die Ergebnisse der Studie zu diskutieren", so DOSB-Generaldirektor Michael Vesper.

Koalition und Wissenschafler attackieren Autoren der Doping-Studie

In der Tat lieferte der Doping-Gipfel wenig Neues. Die Debatten verloren sich in Details.

Die Parteien vertraten bekannte Positionen. Die Koalition, traditionell dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) nahestehend, attackierte Giselher Spitzer und dessen Berliner Wissenschaftler-Team, die in der Studie von einem "systemischen Doping" in Westdeutschland ab den Fünfziger Jahren sprachen.

"Mangelnde wissenschaftliche Arbeit durch Pressearbeit ersetzt"

Christoph Bergner (CDU), Parlamentarischer Staatssekretär im BMI, sprach in Bezug auf den Spitzer-Beitrag von einer "historisch verkürzten Darstellung".

CDU-Obmann Klaus Riegert fand sogar: "Hier wurde mangelnde wissenschaftliche Arbeit durch Pressearbeit ersetzt. Die Dinge wurden nicht seriös und grundsätzlich untersucht."

"Die Kolbe-Spritze war kein Doping

Harsche Kritik musste sich Spitzer auch vom Beirat des Forschungsprojekts gefallen lassen.

"Die Kolbe-Spritze war kein Doping. Der Bericht impliziert, dass alle Sportler, die die Kolbe-Spritze erhalten haben, gedopt hätten. Das ist nicht richtig", sagte Professor Klaus Michael Braumann, im Projekt-Beirat vertretener Mediziner.

Auch NADA stellt sich gegen Spitzer

Auch die Nationale Anti Doping Agentur (NADA) zeigte sich von Spitzers Vorgehen verärgert.

Dem Vorwurf des Berliner Forschers, die NADA habe Akteneinsicht verweigert, trat deren Vorstandsvorsitzende Andrea Gotzmann entschieden entgegen: "Das ist absolut nicht haltbar. Wir haben juristische Schritte eingeleitet."

Studie als Buch veröffentlicht

Spitzer wehrte sich gegen die Kritik und sah schon in der Tatsache, dass der Bundestag sich endlich mal in öffentlicher Sitzung mit dem Thema beschäftigte, einen Erfolg.

"Das ist erfreulich. Nun muss es aber auch eine breite inhaltliche Diskussion geben", forderte der Wissenschaftler, der - geschäftlich nicht ganz unclever - die Studie just am Tag des Doping-Gipfels im Bundestag mit 100 Medienvertretern in Buchform veröffentlichte.

Bach fehlt - und hat die Unterstützung der Bundesregierung

Grünen-Sprecherin von Cramon war es auch, die das Fehlen von DOSB-Präsident Thomas Bach bemängelte und die Verschiebung des Sitzungstermins durch Union und FDP auf den 2. September dafür verantwortlich machte.

CDU-Mann Riegert widersprach und erklärte, dass die Ablehnung des Termins aus anderen privaten Gründe erfolgt sei.

Friedrich nutzte die Gelegenheit, dem schon in Buenos Aires weilenden Bach für die Wahl des IOC-Präsidenten am 10. September alles Gute zu wünschen: "Die Bundesregierung steht hinter der Kandidatur."

Grünen-Antrag abgelehnt

Friedrich stellte eine Fortsetzung der Forschung in Aussicht: "Wenn wir feststellen, dass es noch einen weiteren Bedarf wissenschaftlicher Arbeit gibt, werden wir dem nachgehen", sagte der Minister.

Ein Antrag der Grünen, der auch die weitere Arbeit an den Forschungsprojekten beinhaltete, wurde von den anderen Parteien jedoch abgelehnt.

Kommission zur Doping-Aufarbeitung benannt

Dafür benannte der DOSB am Montag die siebenköpfige Kommission, die unter der Leitung des ehemaligen Bundesverfassungsrichters Udo Steiner Empfehlungen für den Umgang mit der Doping-Vergangenheit und für daraus zu ziehende Konsequenzen im Anti-Doping-Kampf erarbeiten soll.

Zu der Kommission gehören außer Steiner noch Klaus Cachay, Leiter des Arbeitsbereichs "Sport und Gesellschaft" der Uni Bielefeld, Meike Evers-Rölver, Ruder-Olympiasiegerin und Kriminalkommissarin, NADA-Chefin Andrea Gotzmann, Prof. Dr. Herbert Löllgen, Ehrenpräsident der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention, Prof. Dr. Wilhelm Schänzer, Leiter des Anti-Doping-Labors der Deutschen Sporthochschule Köln, und der ehemalige Basketball-Nationalspieler Volkhard Uhlig.

Zwischenbericht noch in diesem Jahr!

Aufgabe der Kommission ist es, den Abschlussbericht der Studie "Doping in Deutschland" sowie alle weiteren Berichte der Forschergruppen aus Münster und Berlin zu studieren und dem DOSB-Präsidium Handlungsempfehlungen zu geben.

Das DOSB-Präsidium hat den Kommissions-Vorsitzenden Steiner gebeten, nach Möglichkeit noch in diesem Jahr einen ersten Zwischenbericht vorzulegen.

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