Durch Sebastian Bayers Rekordsprung fühlt sich Sport1.de-Redakteur Wolfgang Kleine an Bob Beamons Jahrhundertsprung erinnert.

8,71 Meter - Hallen-Europarekord! Sebastian Bayer sprang bei der EM in Turin in neue Dimensionen. Der Deutsche hatte bei dem Gold-Satz seine bisherige Bestweite von vor den Titelkämpfen um 54 Zentimeter auf einen Schlag verbessert.

Die TV-Reporter in der Halle flippten vor den Mikrofonen aus.

Die Erinnerungen an den 18. Oktober 1968 werden beim Schreiber wach.

Es war damals ein ganz normaler Abend. Ich hockte in der Nähe von Lüneburg vor dem Radio, freute mich auf Olympia in Mexico City und hörte den DDR-Rundfunk.

Wolf Hempel bereitete sich auf die Kommentierung des Männer-Weitsprungs vor. Der erste Athlet, der Anlauf nahm, war ein Mann namens Bob Beamon. Hempel schilderte, wie der schlaksige US-Amerikaner nach langen Schritten aufs Brett trat, sich hoch katapultierte und dann nicht mehr zu landen schien.

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Hempel: "Oh, was war der Sprung weit. Unglaublich! Warten wir die Weite ab." Doch die erschien nicht auf der elektronischen Anzeigetafel. Hempel musste sich gedulden. "Irgendwie ist das eigenartig. Das optische Messgerät scheint die Weite nicht erfassen zu können. Beamon geht unruhig an der Anlage umher."

Hempel musste warten: "Ich weiß nicht, warum?" Die Minuten verrinnen. Hempel: "Jetzt wird mit Stahlmaßbändern gemessen. Einmal, jetzt noch einmal - und dann noch einmal. Was ist passiert?"

Inzwischen waren fast 25 Minuten nach dem Sprung vergangen. Reporter, Zuschauer und ich vor dem Radio warteten gespannt. Ein historisches Sportereignis schien sich anzubahnen. Dann doch, die Weite erschien auf der drehenden Anzeigetafel. Ein Raunen ging durchs Stadion.

Doch Hempel konnte die Weite immer noch nicht sehen. Dann sah er sie: "Aaachtmeeeterneunzig, Aaachtmeeeterneunzig! Ich muss richtig hinschauen. Aaachtmeeeterneunzig. Ich glaube es nicht. Ich muss mein Fernglas nehmen. Was sehe ich da? Aaachtmeeeterneunzig. Was ist da geschehen? Der Beamon liegt auf der Erde, zittert und weint."

Der Hörer vor dem Radio bekommt Herzklopfen, kann das ebenso wenig fassen.

Der 22-jährige Beamon hatte mit seinem Jahrhundertsprung und auf 8,90 Meter die alte Weltrekordmarke um sagenhafte 55 Zentimeter verbessert.

Als ich wenige Tage später einen Trainingskollegen, der in diesem Sommer gerade mal die sieben Meter gesprungen war, traf, war der am Boden zerstört: "Da überspringt man endlich die Marke, ist dann nur noch 1,35 Meter vom Weltrekord entfernt - und dann kommt diese Memme und raubt dir alle Illusionen."

Wolfgang Kleine hatte als Journalist seine Feuertaufe bei der Fußball-WM 1974 in Deutschland. Danach wurden für ihn zahlreiche Handball-Spiele, die Berichterstattung vom Leichtathletik-Europacup 1979 und die Begleitung der Tour de France 1996 sowie 1997 unvergessliche Erlebnisse. Aber eins bleibt besonders in Erinnerung: Das Wintermärchen der Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer.

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