Nicht nur in der Formel 1 sorgen Funktionärsbeschlüsse für Kopfschütteln, wie Sport1.de-Redakteur Wolfgang Kleine feststellt.

Regel-Chaos, Strafversetzungen, unerlaubte Bauteile und Proteste. Das Saison-Auftaktrennen der Formel 1 in Melbourne hatte durch den Doppelsieg für das Superhirn Ross Brawn und seine Crew nicht nur sein sportliches Highlight.

Entscheidungen der Renn-Kommissare der FIA sorgten auf der anderen Seite auch für Unverständnis und Verärgerung.

Doch nicht nur in der Königsklasse des Motorsports gibt es solche Funktionärs-Auswüchse - auch im Schwimmen.

Tatort: Los Angeles. Veranstaltung: Olympische Spiele. Zeitpunkt: August 1984. Der deutsche Mitfavorit Thomas Fahrner hatte im Vorlauf übr 400 m Freistil "geschlafen" und das A-Finale um Gold, Silber und Bronze verpasst. Aber er stand im B-Finale, das damals noch ausgeschwommen wurde.

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Fahrner mit Wut im Bauch

Fahrner, dort dann am späten Nachmittag hellwach und mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch, schwamm das Rennen seines Lebens. Er vergrößerte den Vorsprung vor der Konkurrenz und gewann schließlich mit der Zeit von 3:50,91 Minuten. Eine Zeit, die bis dahin noch nie bei Olympischen Spielen erzielt worden war.

Also, so dachte jeder, die Schwimmer, die Zuschauer im vollbesetzten Stadion und vor den Fernsehschirmen und auch der Reporter Harry Valerien: Neuer Olympischer Rekord. Fahrner wurde frenetisch gefeiert.

Nicht so dachte die Jury. Sie ließ über den Stadionsprecher, der einem schon leid tun konnte, folgende Sätze verkünden: "Thomas Fahrner, Bundesrepublik Deutschland, hat mit der Zeit von 3:50,91 Minuten gewonnen. Doch weil die Zeit im B-Finale geschwommen wurde, kann sie nicht als Olympischer Rekord anerkannt werden."

Gellendes Pfeifkonzert

Was dann geschah, ist unvergessen. Die Zuschauer im Stadion, ob Deutsche, Franzosen, Briten oder die vielen US-Amerikaner setzten zu einem gellenden Pfeifkonzert an. Sie buhten und grölten ? minutenlang, immer wieder gellende Pfiffe. Der Sprecher, die Menge beruhigen wollte, wurde niedergebuht.

Und dann kam der Auftritt von Harry Valerien bei der Live-Reportage im ZDF am Mikrofon. Der erfahrene Schwimm-Experte war nicht zu beruhigen. Er tobte und schimpfte und dann kamen die Sätze: "Unglaublich! Nicht zu fassen! Was sind das doch für kleingeistige Funktionäre, wer hat denen denn ins Hirn geschissen?"

Valerien konnte sich am Mikrofon nicht beruhigen - bis dann nach rund zehn Minuten eine neue Durchsage des Stadionsprechers kam: "Meine Damen, meine Herren, die Jury hat soeben beschlossen, die Zeit von Thomas Fahrner als Olympischen Rekord anzuerkennen."

Standing Ovations

Plötzlich schwenkte die Stimmung um. Aus dem gellenden Pfeifkonzert wurden Standing Ovations - aber nicht für die Jury, sondern für Thomas Fahrner. Seine Weltklasseleistung wurde endlich gewürdigt.

Ob es nun für den Deutschen eine späte Genugtuung war oder nicht. Der US-Amerikaner George DiCarlo schwamm im A-Finale, das dann endlich stattfinden konnte, als Sieger mit 3:51,23 Minuten eine schwächere Zeit als Fahrner. Aber er hatte die Goldmedaille, Fahrner die größeren Sympathien. - "Sapradiii!"

Wolfgang Kleine hatte als Journalist seine Feuertaufe bei der Fußball-WM 1974 in Deutschland. Danach wurden für ihn zahlreiche Handball-Spiele, die Berichterstattung vom Leichtathletik-Europacup 1979 und die Begleitung der Tour de France 1996 sowie 1997 unvergessliche Erlebnisse. Aber eins bleibt besonders in Erinnerung: Das Wintermärchen der Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer.

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