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Die NADA macht in Deutschland Jagd auf Dopingsünder. ZUM DURCHKLICKEN: Die spektakulärsten Dopingfälle © imago

Der Fall Kraus befeuert die Debatte um das Meldesystem. Ein Sportlerkollege und ein Mediziner üben bei SPORT1 scharfe Kritik.

Von Patrick Mayer

München - Michael Kraus steht am Pranger.

Es ist ein Anti-Doping-Fall, über den der Handball-Nationalspieler gestolpert ist, aber eben kein klassischer.

Kraus ist durch keinen Test gefallen, er ist der Meldepflicht der Dopingjäger nicht fristgerecht nachgekommen. Die NADA, die Nationale Anti-Doping-Agentur, will von ihm wissen, wann er sich wo aufhält, damit sie ihn überprüfen können. Und zwar zu jeder Zeit.

Kraus hat es versäumt und trägt nun die Konsequenzen. Aber sein Fall stößt auch wieder die Debatte über ein Kontrollsystem, das immer tiefer in das Privatleben der Kontrollierten hineinreicht.

Ist es die nötige Antwort darauf, dass Dopern jedes Mittel recht ist, um sich einen Vorteil zu verschaffen und gerade außerhalb der Wettkämpfe manipulieren? Oder ist es ein unzulässiger Eingriff ins Leben der Sportler, gar ein Verstoß gegen die Grundrechte, wie Kritiker meinen?

Von Betrug geht keiner aus

Bei Michael Kraus ist die Lage so: Der 30-Jährige hat die geforderten Angaben über Aufenthaltsort und Erreichbarkeit in das Anti-Doping Administrations und Management System (ADAMS) einzutragen nicht eingetragen.(PERSONALIE: Liebenswerter Chaot am Pranger)

Die Folgen sind schwerwiegend: Kraus wurde vom Deutschen Handball-Bund (DHB) vorläufig gesperrt (BERICHT: Michael Kraus vorläufig suspendiert). Gegen ihn wurde ein Verfahren eingeleitet.

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Der Rückraumspieler von FRISCH AUF Göppingen kann seinen Beruf nicht ausüben, muss sich juristischen Beistand leisten (925823DIASHOW: Die Karriere des "Mimi" Kraus).

Dass Kraus tatsächlich gedopt hat, glaubt dabei kaum einer. Die Handballszene legt praktisch geschlossen die Hand dafür ins Feuer, dass Kraus zwar ein Schluderer, aber kein Betrüger ist.

Per Günther: "Genau davor hatte ich Angst"

Kritikern sind die Folgen, die er zu tragen hat, zu heftig.

"Ich hatte genau vor dieser 'Kraus-Situation' Angst", sagt Basketball-Nationalspieler Per Günther im Gespräch mit SPORT1: "Für mich als sauberen Sportler stellt der bürokratische Apparat NADA eine reale Bedrohung dar. Eine Sperre von ein bis zwei Jahren im besten Alter könnte für mich drastische Konsequenzen haben. Insbesondere, was meine finanzielle Planung betrifft." (Bild-Copyright: Getty)

Günther ärgert sich

Kraus kann vorerst weder für seinen Klub in der DKB HBL noch für die Nationalmannschaft auflaufen.

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Zwar wird dem Vernehmen nach eine kurze Sperre erwartet. Günther ärgerte sich dennoch, als er vom Fall Kraus erfuhr.

Es sei ein Armutszeugnis, meint der 26-Jährige, dass ein Spitzensportler gesperrt werde "und sich eigentlich jeder in Deutschland sicher ist, die NADA inbegriffen, dass er sauber und eben nur ein Schussel ist. Wer behauptet, so etwas dürfe einem Profi nicht passieren, hat offensichtlich noch nicht zehn Jahre lang drei Monate im Voraus angeben müssen, wo er sich 365 Tage im Jahr befindet."

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Morgens um 6

Wechselnde Wohnsitze, bis zu 50 Auswärtsspiele sowie sich permanent verändernde Trainingszeiten seien nur schwer mit der Kontrolle vereinbar, erklärt er. Günther spricht von einer "vollständigen Überwachung", die "nicht mit meinen Grundrechten in Einklang zu bringen" sei.

"Ich persönlich bin derzeit mit einem Meldeversäumnis belastet. Ich werde definitiv in der Zukunft mal ein Datum vertauschen oder einen Trip nicht eintragen", erzählt Günther: "Ich muss jetzt hoffen, dass genau an dem Tag kein Kontrolleur vor der Tür steht."

So, wie es bei Kraus wohl am 6. März der Fall war. Morgens um 6 Uhr standen die Kontrolleure angeblich vor seiner Haustür, er selbst war jedoch noch auf dem Rückflug von einem Bundesligaspiel in Kiel.

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Kritik auch aus der Wissenschaft

Kritik an dem System der NADA kommt nicht nur von Sportlerkollegen, sondern auch aus der Wissenschaft: "Dem Athleten werden viele Pflichten auferlegt, ohne, dass belegt wird, was ihm der Dopingkampf zurückgibt", sagt Prof. Dr. Dr. Perikles Simon von der Universität Mainz (Bild-Copyright: Imago).

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Untersuchungen würden zeigen, schildert er im Gespräch mit SPORT1, "dass zum Beispiel von der USADA (amerikanische Anti-Dopingagentur, Anmerk. d. Red.) letztes Jahr zu über 80 Prozent Alterssportler überführt wurden. Inwieweit ist da solch' eine Kontrolle gerechtfertigt?" (228201DIASHOW: Die kuriosesten Dopingausreden)

Als weiteres Argument führt Simon Studien an, die zeigten, "dass Trainingskontrollen um ein Vielfaches ineffektiver sind als Wettkampftests".

Simon beklagt "Tyrannisierung"

Vor diesem Hintergrund sei die Einschränkung persönlicher Rechte sehr fragwürdig, findet er. Vor allem verglichen mit anderen Maßnahmen im Anti-Dopingkampf.

"Wir erkennen Schludrigkeiten. Nur durch Druck und Zwang etwa werden Proben von Olympia nachgeprüft und dann auch nur bestimmte Proben", erzählt er.

"Bevor die Leute weiter so tyrannisiert werden, muss ihnen erklärt werden, was ihnen die ständigen Kontrollen bringen. Das ist nicht fair."

NADA wehrt sich

Die NADA kennt die Vorwürfe. Auf SPORT1-Nachfrage verteidigt sie sich mit einer offiziellen Stellungnahme und verweist auf die weltweit gültigen Regeln der WADA (Welt-Anti-Doping-Agentur, Anmerk. d. Red.).

Den Vorwurf der Grundrechtsverletzung kontert das Schreiben mit einem Verweis auf die Zusammenarbeit mit den Datenschutz-Aufsichtsbehörden der Länder.

"Ein effektives und qualitativ auf hohem Niveau stehendes Kontrollsystem braucht unangekündigte, unberechenbare Kontrollen", findet die Agentur: "Sie sind auch für die Athleten die einzige Chance, um dem oft geäußerten Generalverdacht zu begegnen und nachzuweisen, dass sie sauber ihren Sport betreiben."

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