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Danica Patrick hat 2008 als erste Frau ein IndyCar-Rennen gewonnen © getty

Die Lehrzeit für Danica Patrick ist vorbei - jetzt muss sie sich in Nascars Topklasse beweisen. Die Kritiker sind skeptisch.

Von Barnabas Szoecs

München - Das spektakuläre Ende ihres ersten Rennens in der Nascar-Königsklasse, dem Sprint Cup, bekam Danica Patrick so gut wie gar nicht mit - sie hatte ihre Augen geschlossen.

In der letzten Runde des Qualifikationsrennens zum Daytona 500, dem Höhepunkt und gleichzeitigen Saisonauftakt der Nascar-Serie, flog die 29-jährige Ex-Indycar-Pilotin nach einer Berührung von der Strecke und krachte mit mehr als 260 km/h schräg in die innere Wand des 2,5-Meilen-Ovals - mit geschlossenen Augen und den Händen am Helm.

Dem völlig zerstörten 870-PS-Wrack entstieg sie unverletzt.

Gute Laune trotz Crash

"So etwas passiert eben zum Ende des Rennens", sagte die gutgelaunte Patrick auf der anschließenden Pressekonferenz: "Der Aufprall hat sich ziemlich heftig angefühlt - aber bis zum Crash lief alles sehr gut."

Dann allerdings folgte eine Frage, fast schon sinnbildlich für den etwas rauhen Charakter von Nascar - in der die 1,56 Meter große Patrick 2012 ihre erste komplette Saison bestreitet:

Ob sie denn die Hände beim Aufprall vom Lenkrad genommen habe, um sich die Augen zu verdecken, wollten einige Journalisten wissen.

Patrick bleibt cool

Dass es sich um eine typische Handbewegung aus ihrer Indycar-Zeit handle, um sich beim Aufprall nicht die Handgelenke am Lenkrad zu brechen, erklärte Patrick seelenruhig, ohne sich über die plumpe Frage zu ärgern.

Doch es sind Vorurteile wie diese, die den Wechsel des "Glamour Girls" aus dem Formel-1-ähnlichen Indycar-Zirkus in die wesentlich prestigeträchtigere US-Tourenwagen-Serie begleiten.

Und das, obwohl Patrick schon zahlreiche Nascar-Starts hinter sich hat:

2010 Einstieg in B-Serie

In der Saison 2010 debütierte sie in der Nationwide Serie, Nascars zweithöchster Kategorie (700 PS-Fahrzeuge), absolvierte 13 Rennen und erzielte mit Platz 19 in Homestead/Florida ihr bestes Ergebnis.

2011 waren es zwölf Rennen, doch dieses Mal holte sie zwei Top-Ten-Ergebnisse sowie einen vierten Platz in Oval von Las Vegas - und verdiente sich im Fahrerlager einigen Respekt.

Immerhin genug, um sich einen Vertrag über zehn Sprint-Cup-Rennen bei Stewart-Haas-Racing zu sichern, dem Team des aktuellen Champions Tony Stewart.

Erfolg programmiert?

Er erwartet einiges von Patrick: "Danica war in jeder Rennserie erfolgreich, in der sie gestartet ist. Ich sehe keinen Grund, warum sie nicht auch in Nascar Erfolge feiern könnte."

Zudem bestreitet sie in der Nationwide Serie ihre erste komplette Saison (35 Rennen, 43 Fahrzeuge), im Team von Dale Earnhardt Jr., Nascars beliebtesten Piloten - und hat nach ihren "Lehrjahren" ambitionierte Ziele:

"Ich möchte Rennen gewinnen", sagte Patrick vor dem Saisonstart, "aber es wird sicherlich nicht einfach, da ich auf vielen Strecken noch nie gefahren bin".

Kampf gegen Kritiker

Patrick steht vor einer gewaltigen Herausforderung:

Sie muss ihre immer noch zahlreichen Kritiker und Skeptiker nun überzeugen, mehr als nur eine gutaussehende Medien-Ikone zu sein, die aufgrund ihrer Werbewirksamkeit und Bikini-Fotoshootings mit gigantischen Sponsorverträgen ausgestattet ist.

Sie weiß, dass ihr nicht immer angenehmer Wind entgegenweht: Im familiären, aber sehr konservativen Nascar muss sich jeder "Rookie" beweisen - unabhängig vom Geschlecht - sonst wird man unliebsam in die Mauer befördert.

Ein Sieg in sieben Jahren

Dass Patrick nur einen Sieg in sieben Jahren Indycar feiern konnte, macht alles nicht gerade einfacher.

"Ich finde es gut, dass mich manche Menschen mögen, andere hassen", zeigt sich Patrick unbeeindruckt vom Rummel um ihre Person: "Und gegen Männer auf der Strecke zu bestehen ist ziemlich reizvoll."

Aller Skepsis zum Trotz: die gestandenen Piloten haben sie "sehr herzlich empfangen", so Patrick: "Alle würden sich freuen, wenn ich in Nascar Erfolg haben würde. Jeder hat mir mit tollen Tipps geholfen."

Neuer Glanz für Nascar

Auch den Nascar-Verantwortlichen würde ihr Erfolge gefallen, denn der Medien-Boom um Patrick bringt der wirtschaftlich angeschlagenen Rennserie neuen Glanz, Besucher und Fernsehzuschauer.

Kein Zufall also, dass sie es - trotz ihres Unfalls - ins Daytona 500 geschafft hat.

Dies verdankt Patrick weniger ihren Fahrkünsten, sondern einem pikanten, aber sehr medienwirksamen Abkommen zwischen Stewart-Haas-Racing und dem finanzschwachen Ein-Auto-Team von Tommy Baldwin:

Patrick gesetzt

Fahrzeuge, die es in der abgelaufenen Saison unter die Top 35 der Teamwertung geschafft haben, bekommen automatisch einen Platz im 43-köpfigen Starterfeld der ersten fünf Rennen.

Baldwin, 33. in 2011, überließ seine wertvollen Punkte und sein Fahrzeug Stewart Haas Racing, weshalb Patrick im "Great American Race"(sowie in neun weiteren Rennen) starten wird.

Damit stehen die Daytona 500 ganz im Zeichen Patricks - was auch entsprechend medial gehypt wird:

"Kann Sie mit den 'Big Boys' mithalten, ohne eine von ihnen zu sein?", heizen die TV-Spots der amerikanischen Sender das Rennen und die Fans an.

Im Visier der Presse

Fast jedes Medium hat die ehrgeizige, oftmals heißblütige Amerikanerin oder ihren neongrünen Chevy mit der Nummer 10 auf dem Titelbild, vom Presserummel an der Strecke ganz zu Schweigen.

Dass sie mit den "Big Boys" mithalten kann, bewies sie bereits in der Einzel-Quali zum Nationwide-Rennen: Dort raste sie auf die Pole Position, als erste Frau seit Shawna Robinson 1994.

Im Rennen jedoch wurde sie von ihrem Teamkollegen Cole Whitt versehentlich von der Strecke befördert und landete letztlich auf Platz 38.

Dennoch: Die Chancen auf eine Überraschung im spektakulären Superspeed-Oval von Daytona sind sehr hoch:

Kein Favorit in Daytona

Wegen der enormen Bedeutung des Windschattenfahrens, in der ganze Fahrzeug-Kolonnen mit 320 km/h wie Züge aneinander vorbeiziehen, sowie der ständig drohenden Massencrashs ("Big Ones") aufgrund des engen Fahrens in großen Gruppen ("Pack Race"), beenden meist kaum mehr als die Hälfte der gestarteten Fahrzeuge das Rennen.

Daher gibt es für das Daytona 500, das wegen andauernder Regenfälle auf Montag (18 Uhr MEZ) verschoben werden musste (News), keinen echten Favoriten - weder Meister Tony Stewart, noch der 5-malige Champion Jimmie Johnson oder Vize Carl Edwards.

Wie Bayne 2011?

Erst 2011 feierte der damals 20-jährige Neuling Trevor Bayne in seinem Wood-Brothers-Ford eine Cinderella-Story, als er zwei Runden vor Schluss die Führung übernahm und sich überraschend zum Champion kürte.

Daytona ist wie ein Glücksspiel - und Bayne war zur rechten Zeit am rechten Ort. So könnte es auch Danica Patrick ergehen.

Eine bessere Antwort an alle Kritiker und Skeptiker könnte es gar nicht geben.

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