"Besser als in der Formel 1 hinten rumzugurken"
Von Barnabas Szoecs
München - Seit 1923 kurven die Automobile beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans.
Ein Deutscher kann sich nun als einer derjenigen fühlen, der die berühmteste Langstreckenkonkurrenz der Welt einen Schritt in die Zukunft geführt hat (DIASHOW: Bilder des Rennens).
Zum zweiten Mal siegte Andre Lotterer zusammen mit seinen Teamkollegen Marcel Fässler (Schweiz) und Benoit Treluyer (Frankreich), zum ersten Mal aber in einem Hybrid-Auto, dem Audi R18 e-tron quattro ( BERICHT: Audi regiert Le Mans).
Im SPORT1-Interview der Woche spricht der 30-Jährige über seinen Triumph, seine Popularität in der Wahlheimat Japan und über den Grund, warum er sich nicht mehr nach der Königsklasse sehnt ( ÜBERSICHT: Alles zum Motorsport).
SPORT1: Herr Lotterer, Sie haben zum zweiten Mal in Folge mit Audi die 24 Stunden von Le Mans gewonnen. Sind mittlerweile alle Partys vorbei?
Andre Lotterer: (lacht) Nicht ganz, es sind noch einige Feiern geplant. Natürlich haben wir mit der Crew in Le Mans gefeiert, den einen oder anderen Drink gehabt. Aber Marcel (Teamkollege Marcel Fässler, Anm. d. Red.) will auch noch eine Party machen. Ich plane zudem für die Mechaniker noch eine Feier in Fuji, wo das nächste Rennen ist.
SPORT1: Beschreiben Sie doch mal, worin der Reiz dieses Klassikers liegt.
Lotterer: Es ist wie ein Grand-Slam-Turnier beim Tennis. Bloß gibt es davon vier, die 24 Stunden von Le Mans gibt es nur einmal. Die Strecke ist Herausforderung und Spaß zugleich, sie ist wahnsinnig schnell und hat eine sehr bedeutende Geschichte. Für uns Fahrer ist es das Größte, was wir im Motorsport erreichen können.
SPORT1: In Le Mans hat sich Toyota-Fahrer Anthony Davidson bei einem Crash zwei Rückenwirbel gebrochen. Machen Sie sich als Rennfahrer bei solchen Unfällen Gedanken?
Lotterer: Aber natürlich, wir sind ja keine Roboter. Ein Unfall macht jedem Fahrer schnell klar, wie gefährlich unser Beruf ist. Besonders das Vorbeifahren an einer Unfallstelle ist sehr unangenehm. Aber sobald die Info kommt, dass der Fahrer okay ist, wird das wieder vergessen.
SPORT1: Der Unfall wurde von einem Amateur verursacht, der sich ein Cockpit erkauft hat. Ärgert Sie das?
Lotterer: Das ist ein heikles Thema. Man sollte die Amateure aber nicht sofort kritisieren. Dennoch ist es sehr ärgerlich - durch so eine Kleinigkeit fliegt ein Topfavorit aus dem Rennen. Solche Zwischenfälle kann man nicht komplett verhindern, das passiert auch Profis. So ist der Motorsport.
SPORT1: Sie sitzen oftmals mehrere Stunden im Rennauto, oftmals in der Nacht. Sind Rennen im Dunkeln wesentlich anstrengender?
Lotterer: Es ist definitiv schwieriger. Die Sichtfelder sind viel kleiner, es gibt nur wenig Beleuchtung an der Strecke - durch einige Kurven fahren wir komplett blind. Und weil wir in Le Mans Geschwindigkeiten von bis zu 330 km/h erreichen, besteht die Gefahr, Bremspunkte zu verpassen. Zum Glück sind unsere LED-Lichter die Stärksten im Feld.
SPORT1: Wie halten Sie sich im Rennauto wach? Kaffee oder Energydrink?
Lotterer: (lacht) An Energydrinks glaube ich nicht, ein Kaffeetrinker bin ich auch nicht. Dafür versuche ich am Rennwochende topfit zu sein und trotz Motorenlärm genügend zu schlafen. Beim Fahren selbst gibt es Adrenalin - das hält wach.
SPORT1: Audi hat in Le Mans in diesem Jahr komplett dominiert, was gut für Audi ist. Aber ist es für die Spannung der Veranstaltung insgesamt nicht eher schlecht?
Lotterer: Auf keinen Fall! Die starken Toyota haben uns zu Beginn einen harten Kampf geliefert, sie lagen teilweise in Führung. Leider sind sie im Rennverlauf ausgefallen. Mir wäre es lieber gewesen, wenn es einen Kampf bis zum Schluss gegeben hätte. Aber Audi-intern haben wir uns intensive Duelle geliefert, wir sind schließlich Rennfahrer und wollen gewinnen.
SPORT1: Obwohl Sie einer der erfolgreichsten deutschen Rennfahrer sind, sind Sie in Deutschland nicht sonderlich bekannt. Seit 2003 leben Sie in Japan, 2011 haben Sie die Formel Nippon gewonnen. Sind Sie also in Japan ein Star?
Lotterer: Sicherlich bin ich in der asiatischen Motorsportszene bekannter als in Deutschland, keine Frage. Nach meiner Zeit als Formel-1-Testpilot für Jaguar bin ich nach Japan, um meinen Profistatus zu behalten. In Deutschland werden die Fans natürlich durch Stars wie Sebastian Vettel und Michael Schumacher verwöhnt. Aber natürlich wünsche ich mir, dass mehr über Japan berichtet wird. Und Le Mans verdient definitiv mehr Aufmerksamkeit.
SPORT1: Aber der weltweite Ruhm treibt sie nicht an?
Lotterer: Berühmt zu werden ist nicht mein Ziel. Aufmerksamkeit ist natürlich cool, wir fahren immerhin die schönsten Rennautos der Welt.
SPORT1: Werden Sie vielleicht einen neuen Anlauf in der Formel 1 starten? Oder in einer anderen Rennserie?
Lotterer: Momentan fühle ich mich bei Audis Sportwagen-Programm sehr wohl. In der Formel Nippon fahren wir dieselben Zeiten wie die Formel 1. Für eine Formel-1-Karriere war ich nun mal zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort, das ist abgehakt. Mit Audi in Le Mans zu starten ist besser als in der Formel 1 - in Anführungszeichen - hinten rumzugurken. Ich bin zufrieden.