Verbissen auf der Zielgeraden: Cortese wartet auf Krönung
Motegi/München - Für wenige Minuten war der Blick frei auf das Innenleben von Sandro Cortese.
Den gestenreichen Schimpftiraden noch während der Auslaufrunde folgte der wütende Marsch in die Box.
"Warum ist der Kerl so verdammt dumm?!", herrschte der Motorrad-Pilot seinen Teamchef Aki Ajo nach dem Großen Preis von Japan an ( Bericht).
Gemeint war sein eigener Teamkollege, der Brite Danny Kent - für Cortese in diesem Moment die Wurzel allen Übels nach einem Sturz, an dem er selbst allerdings keinesfalls schuldlos war.
Vorzeitigen WM-Gewinn entrissen
"Ich war drei Kurven vor Schluss vorzeitig Weltmeister", sagte Cortese, "das hat man mir entrissen."
Sein erster Titel in der Moto3 ist dem 22-Jährigen kaum noch zu nehmen - entsprechend besonnen gab er sich in den letzten Wochen.
Dass er den Gesamtsieg lieber heute als morgen perfekt machen würde, wurde bei seiner verbissenen Vorstellung in Japan überdeutlich.
Problematisches Verhältnis zu Kent
Als Führender war der KTM-Pilot in die letzte Runde gegangen, doch nach einem Duell mit Kent kam er zu Fall. Das Rennen beendete er auf dem sechsten Platz.
"Einfach ausgerastet", sei er anschließend, sagte Cortese später, "ein bisschen zu aggressiv", sei er gewesen. Die Emotionen hatten sich da schon wieder ein bisschen gelegt, seine Meinung war jedoch dieselbe.
"Das war immer noch eine dumme Aktion von Kent", sagte Cortese über den Stallrivalen, zu dem er schon länger eine schwierige Beziehung hat: "Im Endeffekt sind wir Teamkollegen, man sollte doch ein bisschen zusammenarbeiten. Leider hat es das ganze Jahr nicht geklappt mit ihm."
Das Verhältnis liege nun "auf Eis".
Kollision mit Tonucci
Corteses Meinung zur Schuldfrage teilten allerdings die Wenigsten. Im Kampf um den ersten Grand-Prix-Sieg seiner Karriere hatte Kent den Berkheimer innen überholt.
Der ritt, das große Ziel WM-Titel vor Augen, eine wütende Gegenattacke - und kollidierte dabei mit dem Italiener Alessandro Tonucci (Honda).
Eine eher untypische Aktion für Cortese, der auch dank seiner Besonnenheit in den richtigen Momenten dieser Saison da steht, wo er steht.
In 14 Rennen landete er zwölfmal auf dem Podest und fuhr stets in die Punkte. Auch, weil er bislang selten zu viel riskierte.
Stoner gibt Cortese die Schuld
"Ich verstehe nicht, wie Sandro irgendjemandem außer sich selbst die Schuld geben kann", twitterte MotoGP-Weltmeister Casey Stoner schon während des Rennens.
Und selbst Stefan Bradl musste seinem Kumpel Cortese widersprechen. "Sandro weiß genau, dass da draußen jeder für sich selbst kämpft, egal, ob man auf der gleichen Maschine sitzt", sagte der Moto2-Weltmeister: "Kent hat einfach versucht, seinen ersten Grand Prix zu gewinnen."
WM-Führung ausgebaut
Dass Cortese nach dem Sturz seine KTM im Rennen hielt, war wiederum Ausdruck seiner Geistesgegenwart. Zehn Punkte fuhr er trotz des Missgeschicks noch ein.
Dank des Ausfalls seines Rivalen Luis Salom (Kalex) aus Spanien baute er seine Führung damit drei Rennen vor Schluss auf 56 Punkte aus ( DATENCENTER: WM-Stand der Moto3).
Schon am Sonntag in Malaysia kann Cortese, dessen Aufstieg in die Moto2 bereits feststeht, aus eigener Kraft den Titel holen.


