vergrößernverkleinern
Valentino Rossi gewann vier seiner neun WM-Titel mit Yamaha © imago

Im Interview der Woche spricht Moto2-Pilot Stefan Bradl über die neue Saison, harte Bandagen und den tödlichen Tomizawa-Unfall.

Von Marc Ellerich

München - Stefan Bradl startet in seine zweite Moto2-Saison (Do., ab 16.55 Uhr LIVE im TV auf SPORT1), und der Kiefer-Pilot scheint mit seiner Kalex-Maschine bestens gerüstet zu sein für große Aufgaben.

Beim Abschlusstest in Jerez pulverisierte der 22-Jährige Bayer mit dem berühmten Namen den Streckenrekord.

Im SPORT1-Interview der Woche spricht Bradl über die bevorstehende Saison, das harte Geschäft Motorrad-Sport und den tödlichen Unfall seines japanischen Kollegen Shoya Tomizawa.

SPORT1: Streckenrekord bei den Tests in Jerez, starke Ergebnisse auch in Valencia. Es läuft gut für Sie. Was ist drin beim Saisonstart in Katar?

Stefan Bradl: Das werden wir sehen, alles ist möglich. Von vornherein kann man das nicht immer so genau sagen. Es kommen bestimmt bis zu zwölf Fahrer für den Sieg in Frage. Dazu zähle ich mich auch. Mein Ziel ist es, unter die ersten Fünf zu fahren.

SPORT1: In Jerez haben Sie den Streckenrekord um zwei Sekunden unterboten. Mussten Sie sich danach erst einmal kneifen. Das ist ja fast zu schnell, um wahr zu sein.

Bradl: Das darf man nicht überbewerten. Die Gegner waren auch definitiv schneller als der Rundenrekord. Der Rekord ist zwar schön und gut, aber es hat sich über den Winter viel an der Technik getan. Daher muss man das relativieren.

[kaltura id="0_dkgdwk84" class="full_size" title="Stefan Bradl im SPORT1-Interview"]

SPORT1: Ende der Vorsaison haben Sie in Estoril gewonnen. Jetzt die starken Tests. Was haben Sie sich für 2011 vorgenommen?

Bradl: Ich will auf jeden Fall besser abschneiden als im vergangenen Jahr, logisch. Aber das haben mich schon viele Leute gefragt.

SPORT1: Dennoch muss die Frage gestellt werden.

Bradl: Ja, aber das ist sehr schwer zu beantworten. Ich mache das eigentlich nicht so gerne, weil der Sport so schnelllebig ist. Da kann soviel passieren. Es wäre für mich gut, wenn ich die Saison unter den ersten Fünf beende, das ist ein realistisches Ziel.

SPORT1: Mit dem Ziel WM-Titel, nehme ich an, muss man Ihnen nicht kommen.

Bradl: Nein!

SPORT1: Nach Ihrem Sieg in Estoril waren Sie sehr selbstbewusst. In der Moto2 mache der Fahrer den Unterschied aus, also ich, haben Sie gesagt. Was können Sie besser als Ihre Konkurrenten?

Bradl: In erster Linie gilt es, das Motorrad auf den Fahrer abzustimmen, und das muss dann auch über die Renndistanz funktionieren. Letztlich macht natürlich der Fahrer den Unterschied: Wie schnell fährt er? Kann er es durch seinen Fahrstil kompensieren, wenn die Reifen schlechter werden? Wer dann am besten reagiert, wird über die Saison hinweg am konstantesten sein - und letztlich am erfolgreichsten.

SPORT1: Die letzte Saison war anfangs nicht leicht für Sie. Die Resultate wollten sich nicht einstellen. Was war los? Eingewöhnungsprobleme nach dem Klassenwechsel?

Bradl: Die Eingewöhnungsprobleme waren anfangs relativ gering. Ich bin sofort gut zurecht gekommen. Aber ich habe mich dann zu sehr unter Druck gesetzt, bin oft gestürzt, die Gegner sind auch besser geworden. Es war ein Teufelskreis, und wir haben zu lange gebraucht, um da raus zu kommen. Ab Saisonmitte lief es dann besser. Jetzt hoffe ich natürlich so anzufangen, wie ich 2010 aufgehört habe. Mit den Tests ist mir das gelungen, und ich hoffe, dass das so weitergeht.

SPORT1: Aufmerksamkeit garantieren hier zu Lande entweder der WM-Titel oder der Wechsel in die MotoGP. Was kommt denn eher? (WM-Kampf mit deutschem Sextett)

Bradl: Gute Frage. Man wird sehen. Es ist definitiv klar, dass der Veranstalter einen deutschen Moto-GP-Fahrer sucht. Aber um das zu erreichen, müsste ich in der Moto2 vielleicht nicht unbedingt Weltmeister sein, aber sicherlich konstant vorne dabei, sprich unter den Top fünf, und das aber deutlich. Dann kann man über so etwas nachdenken.

SPORT1: Haben Sie einen zeitlichen Rahmen abgesteckt?

Bradl: Nein. Sicher, im Hinterkopf ist der Traum, eines Tages in der MotoGP und vielleicht gegen Valentino Rossi zu fahren. Aber daran verschwende ich jetzt keinen Gedanken.

SPORT1: Sie sagen manchmal krasse Sachen, z. B. "Es geht nur um die Leistung auf der Strecke, und dort ist es egal, ob man ein Egoist ist oder nicht." Muss man so ein harter Hund sein, wenn man Rennen gewinnen will?

Bradl: Auf der Strecke ist jeder dein Gegner, und der ist froh, wenn du hinter ihm bist. Man muss hart bleiben, wenn du nachgibst, bist du Verlierer. Wenn ich nur Fünfter oder Sechster sein wollte, wäre ich fehl am Platz. Ich glaube, den Ehrgeiz sollte man haben, um jede Platzierung zu kämpfen. Dabei geht es dann schon mal Ellenbogen an Ellenbogen, und jeder ist sich selbst der Nächste. Ganz klar.

SPORT1: Überschattet wurde die vergangene Saison vom Unfalltod von Shoya Tomizawa. Sie haben damals gesagt, das sei, als ob ein Familienangehöriger sterbe. Wie haben Sie den Unfall verarbeitet?

Bradl: Das war natürlich ein harter Schlag. Wir sind damit konfrontiert worden, wie gefährlich unser Sport sein kann. Aber wie es im Leben so ist: Ich glaube, der Kopf blendet die negativen Erinnerungen aus. Man schiebt es weg, das ist menschlich. Vergessen werden wir Shoya nicht. In Katar, wo er 2010 gewonnen hat, wird zum Beispiel mit seinem Namen auf der Haupttribüne an ihn erinnert.

SPORT1: Hatten Sie nach dem Unfall Angst aufs Motorrad zu steigen?

Bradl: Es ist schwierig zu erklären. Angst hatte ich nicht, eher ein mulmiges Gefühl. Aber ich glaube, das ging uns allen so. Wenn man zurückdenkt oder die TV-Aufnahmen sieht, fehlen einem einfach die Worte. Es war hart, wir haben gelitten, das ganze Fahrerlager.

SPORT1: Fährt man nach so einem schrecklichen Ereignis anders Motorrad? Geht das überhaupt?

Bradl: In einigen Situationen auf der Strecke oder im Fahrerlager hatte man schon den Eindruck, als würde sich mancher denken: Es gibt wichtigere Dinge im Leben als Motorrad-Rennsport. Es ist alles in allem etwas freundlicher geworden. Das hat man gemerkt.

SPORT1: Der Unfall löste eine ausführliche Sicherheitsdebatte aus. Was hat sich verändert?

Bradl: Ich weiß es nicht, weil ich nicht wirklich etwas damit zu tun habe. Was ich nicht verstehen kann, ist, dass wir immer noch die künstlichen Grünstreifen haben, so wie in Misano seinerzeit. Grundsätzlich glaube ich aber, dass die Sicherheit Jahr für Jahr verbessert wird. Mir fällt tatsächlich fast nichts ein, was man noch verbessern könnte. Ich denke inzwischen, was damals in Misano passiert ist, war irgendwie Schicksal. Da kam jede Hilfe zu spät.

(Jetzt auch um 12 und 13 Uhr: die News im TV auf SPORT1)

Zum Forum - jetzt mitdiskutieren! Zurück zur Startseite

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel