vergrößern verkleinern
Jorge Lorenzo ist zwei Mal innerhalb von zwei Wochen schwer gestürzt © imago

Der Weltmeister wird wegen seiner Tapferkeit mit Beckenbauer verglichen. Sein erneuter Sturz kann böse Folgen haben.

Hohenstein-Ernstthal/München - Die Tränen liefen bei Jorge Lorenzo, es war zu viel.

Der Weltmeister verlor den Kampf mit den Emotionen, als seine Betreuer wieder einmal die lädierte linke Schulter kühlten. Dem geschundenen Körper tat es gut, aber der spanische "Kaiser" war untröstlich.

Schon wieder ein schwerer Sturz, schon wieder eine Operation. Doch den Motorrad-Piloten beschäftigte in diesem Moment wohl kaum die Sorge um seine Gesundheit. Lorenzo kann nicht fahren, die Höchststrafe (DATENCENTER: Der WM-Stand in der MotoGP).

Der 26-Jährige ist hart im Nehmen. Das hatte er erst vor zwei Wochen unter Beweis gestellt, in Assen. Lorenzo zog sich im Training zum Großen Preis der Niederlande einen Schlüsselbeinbruch zu, flog kurzerhand nach Barcelona, ließ sich operieren, flog wieder zurück und wurde im Rennen Fünfter.

Nicht alles richtig gemacht

Lorenzo hatte alles richtig gemacht. Oder vielleicht doch nicht?

Inzwischen dürfte nicht nur Lorenzos Yamaha-Team den Einsatz mit anderen Augen sehen. Denn beim Deutschland-Grand-Prix bekam der Mallorquiner die Quittung dafür, dass er das Schicksal erneut herausgefordert hatte. Im freien Training am Freitag stürzte er noch einmal, und fiel dabei genau auf die gleiche Stelle.

Es war nicht der einzige schwere Sturz auf dem Sachsenring. Am Samstag erwischte es Lorenzos Landsmann Dani Pedrosa. Der WM-Spitzenreiter verlor die Kontrolle über seine Maschine und prallte heftig auf den Asphalt.

Der 27 Jahre alte Honda-Pilot wurde sofort ins Medical Center gebracht. Dort wurden keine Knochenbrüche festgestellt, Pedrosa wurde aber für weitere Untersuchungen per Hubschrauber ins naheliegende Krankenhaus von Chemnitz gebracht.

Lorenzo will sich erholen

Während Pedrosa noch auf einen Renneinsatz am Sonntag hoffen kann, musste Lorenzo aufgeben (DATENCENTER: Der Rennkalender der MotoGP 2013).

"Ich habe entschieden, nach Hause zu fahren, um mich zu erholen. Bei einer Operation wird die Platte neu fixiert. Sie hat sich leider beim Sturz verbogen", sagte er enttäuscht.

Die erwähnte "Platte" ist aus Titan und mit acht Schrauben am Schlüsselbein fixiert. Alles andere als ein kleine Sache. Dennoch ist ein Start in Laguna Seca/USA am nächsten Wochenende nach der nächsten OP denkbar. Noch wurde die Rückkehr nicht ausgeschlossen.

Für den Normalbürger ist es nicht vorstellbar, mit einer solchen Verletzung einfach wieder zur Arbeit zu gehen. Niemand würde auf die Idee kommen, sich auf ein Motorrad zu setzen. Schon gar nicht auf ein über 300 km/h schnelles. Doch Rennfahrer sind aus einem anderen Holz geschnitzt.

Mit Krücken zur Maschine

Notfalls geht es auf Krücken zur Maschine, Valentino Rossi hat das auch gemacht, vor drei Jahren am Sachsenring. Der italienische Superstar drehte seine Runden, fuhr wieder in die Box und wechselte zurück auf die Gehhilfen.

Verantwortungslos, oder zumindest unvernünftig ist das allemal. Denn das Risiko einer schlimmeren Verletzung steigt unter solchen Umständen. Lorenzos behandelnder Arzt Dr. Joaquin Rodriguez hatte zuletzt gehörige Bauschmerzen.

"Wir haben versucht, ihn davon abzuhalten, das Rennen zu fahren. Aber er ist stur", sagte Rodriguez: "Bei einer solchen Fraktur können die Blutgefäße unter dem Schlüsselbein ernsthaft beschädigt werden."

"Starke Schmerzen"

Lorenzo hatte "starke Schmerzen", wie er sagt. Aber auch Rodriguez litt gewaltig. "Es war schwierig, sich das anzusehen. Ich und meine Kollegen waren sehr besorgt", gibt der Doktor zu: "Aber Jorge hat uns eine Lehrstunde in mentaler und physischer Stärke gegeben."

Anerkennung schwingt mit, wenn vom "Star aus Titan" ("Bild") die Rede ist. Deshalb wurde Lorenzo rund um den Grand Prix in Sachsen auch immer wieder als "Kaiser" bezeichnet, in Anlehnung an Franz Beckenbauer.

Auch die deutsche Fußball-Legende hatte im WM-Halbfinale 1970 Schmerzen in der Schulter getrotzt und mit einer Armschlinge weitergemacht. Das Spiel ging übrigens verloren.