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Jutta Kleinschmidt startete erstmals 1988 bei der Rallye Dakar © imago

Jutta Kleinschmidt spricht im SPORT1-Interview über Gefahren bei der Dakar und das Gefühl, es könne nur andere treffen.

Von Benjamin Bauer

München - Jutta Kleinschmidt ist eine Motorsport-Legende.

Die 50-Jährige ist die bisher einzige Frau, die sich den Gesamtsieg bei der Rallye Dakar gesichert hat. (658712DIASHOW: Bilder der Rallye Dakar 2013)

Das war 2001. Seither hat sich das prestigeträchtige Rennen sehr verändert.

Im SPORT1-Interview spricht Jutta Kleinschmidt über technische Entwicklungen und die Gefahren der Rallye Dakar.

Zudem verrät die gebürtige Kölnerin, welche Eigenschaften ein Dakar-Champion benötigt.

SPORT1: Frau Kleinschmidt, bereits 1988 haben Sie auf dem Motorrad Ihr Debüt bei der Rallye Dakar gegeben. Was hat sich seitdem alles verändert?

Jutta Kleinschmidt: Einiges. Als erstes natürlich der Austragungsort, der jetzt Südamerika ist. Auch der Service hat sich stark gewandelt und vereinfacht. Als ich anfangs gestartet bin, ist der Service auch über die Rennstrecke gefahren. Heute geht das alles über Asphaltstraßen. GPS gab es nicht und wir sind mit dem Kompass in der Tasche gefahren. Auf dem Motorrad gab es gar keinen Kompass, sondern nur Geräte aus der Fliegerei.

SPORT1: Was war mit der Sicherheit?

Kleinschmidt: Auch die Absicherung war anders - wir hatten nur eine Notrakete dabei und ein Notfallradio funktionierte nur, wenn ein Flugzeug über uns in Reichweite kreiste. Das ist heute mit dem GPS anders und die Teilnehmer können geortet werden. Außerdem hat jeder Fahrer heute ein Satellitentelefon dabei. Auch die Fahrzeuge sind viel sicherer und schneller.

SPORT1: Sie sind nach wie vor die einzige Frau, die diese prestigeträchtige Rallye für sich entscheiden konnte. Warum bleiben Ihre Fußstapfen weiter leer? (DATENCENTER: Alle Rallye-Ergebnisse)

Kleinschmidt: Rein statistisch gesehen sind im Motorsport immer noch mehr Männer als Frauen unterwegs. Daher siebt sich das schon aus. Dazu kommt, dass es kein einfacher Sport ist. Man muss immer bei der Stange bleiben und schauen, wie man weiterkommt und Geld zusammenbringt, um das nächste Rennen zu fahren. Da kann man sich nur darauf konzentrieren. Frauen denken vielleicht dann doch eher an Familie. Ein Mann kann beides vereinen, aber als Frau ist das schwierig. Wenn ich ein Jahr weg wäre, weil ich mich um meine Familie kümmern müsste, wäre mein Platz auch weg.

SPORT1: Was muss man haben, um diese Rallye zu gewinnen?

Kleinschmidt: Man muss sehr gut vorbereitet sein, sollte konditionell fit sein und sein Fahrzeug gut kennen, damit man zur Not auch selbst mit Werkzeug Schäden beheben kann. Das ist wichtig, um wenig Zeit zu verlieren. Auch die Taktik spielt eine große Rolle. Man darf nicht denken, dass auf der ersten Etappe die gesamte Rallye entschieden wird. Dann riskiert man zu viel und landet womöglich auf dem Dach.

SPORT1: Wie schätzen Sie das diesjährige Streckenprofil ein und wie lauten Ihre Favoriten?

Kleinschmidt: Das Streckenprofil ist südamerikabedingt mit schnelleren Passagen als früher in Afrika ausgestattet. Favorit ist für mich ganz klar Stephane Peterhansel, der mit dem Mini das ausgereifteste Auto besitzt. Aber Chancen haben auch Carlos Sainz und Nasser Al-Attiyah, da muss man aber abwarten, wie sich deren neues Auto, der Qatar-Buggy, bewährt. Die ganze Dakar-Distanz mit einem neuen Auto zu fahren ist ein Risiko.

SPORT1: Jedes Jahr kommt es bei der Dakar-Rallye zu tödlichen Unfällen. Nehmen die Fahrer das Risiko bewusst in Kauf?

Kleinschmidt: Ja, man nimmt dieses Risiko in Kauf. Sonst würde man nicht an den Start gehen. Aber auf der anderen Seite sieht man dieses Risiko als nicht so groß an, wie es dargestellt wird. Als Autofahrer habe ich überhaupt keine Angst, dass mir etwas passiert. Die größte Angst habe ich davor, dass ich das Auto kaputt fahre, das Rennen aufgeben muss und das Team enttäusche.

SPORT1: Ist es auf dem Motorrad gefährlicher?

Kleinschmidt: Ja. Wenn etwas passiert, trifft es fast immer die Motorradfahrer, da diese nicht so gut geschützt sind. Man macht das in einem Alter, in dem man wenig nachdenkt und hat das Gefühl, es kann einem selbst nichts passieren, sondern wenn, dann trifft es die anderen. Als ich später vom Motorrad auf das Auto gewechselt bin, habe ich mich sowas von sicher gefühlt.

SPORT1: Was antworten Sie den Kritikern, die daher ein Verbot der Dakar fordern? Würde es reichen, bei den Motorrädern die Sicherheit zu erhöhen?

Kleinschmidt: Ja, das geschieht auch. Man hat die Maximalgeschwindigkeiten gesenkt und ein Schutz für Hals und Rücken eingeführt. Das Ganze wird stetig entwickelt. Ich würde aber nicht sagen, dass die Motorräder verboten werden müssen. Dann müsste auch auf der Straße das Motorrad verboten werden, weil dort beispielsweise an sonnigen Tagen auf einer Bergstraße auch viel passieren kann. Aber darüber wird weniger gesprochen als bei der Dakar.

SPORT1: Hätten Sie noch einmal Lust, bei einer Dakar an den Start zu gehen?

Kleinschmidt: Ja, ich hätte sicher Lust, nochmal zu starten. Aber das hängt auch von Rahmenbedingungen ab. Es ist im Moment so, dass keine Werke mehr da sind und man will ja keinen Rückschritt machen. Ich habe die Hochzeiten der Dakar erlebt, als die meisten Teilnehmer gefahren sind und die besten Teams mit voller Werksunterstützung dabei waren.

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