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Und ab es geht durch den Wald: Die Nordschleife ist perfekt eingebettet © pacepix.com

Bruton Smith sorgt mit seiner Idee für Zündstoff: Exakter Nordschleifen-Nachbau in der Wüste - Stimmen und Einschätzungen von Haudegen der "Grünen Hölle"

Am vergangenen Wochenende hat der Amerikaner Bruton Smith eine regelrechte Bombe platzen lassen. Im Rahmen des Bristol-Wochenendes der NASCAR kündigte der 84-jährige Geschäftsmann an, er wolle die Nürburgring-Nordschleife als exakte Kopie in Nevada bauen lassen. Entsprechende Gespräche mit dem Gouverneur des Staates laufen, die Finanzierung scheint nicht das allergrößte Problem zu sein. Smith ist vom Fach. Er ist Chef der Speedway Motorsports Inc. (SMI), der insgesamt neun Renntempel in den USA gehören.

Smith ist somit Herrscher unter anderem über die Rennovale von Bristol, Texas, Las Vegas und Charlotte, auch der Infineon-Rundkurs in Sonoma gehört zum börsennotierten Imperium, das sich zu 67 Prozent im Besitz des Milliardärs befindet. In den USA nimmt man das Vorhaben des 84-Jährigen sehr ernst. Nicht wenige rechnen damit, dass Smith sich den Traum von der amerikanischen Nordschleife erfüllen kann. Dort sollen keine Rennen stattfinden, sondern ausschließlich Tests von Teams und Automobilherstellern.

Viele Nordschleifen-Fans in Europa haben die Idee aus den USA zunächst belächelt, viele Nordschleifen-Aktive erkennen die Ernsthaftigkeit hinter dem gigantischen Projekt. "Das ist ein cooles Ding", kommentiert Nordschleifen-Legende Hans-Joachim Stuck auf Nachfrage von 'Motorsport-Total.com'. "Ich halte das durchaus für realistisch. Dann bekäme die Nordschleife mal das Wetter, das sie eigentlich verdient. Im Sommer kann man Hitzetests durchführen, im Winter hat es Normaltemperatur."

"Ich habe bereits mit Hermann Tilke mal darüber gesprochen. Der sagt, dass man so etwas eigentlich gar nicht bezahlen könnte - so schön das auch wäre", erklärt BMW-Werkspilot Dirk Adorf, der die Nordschleife seit vielen Jahren kennt und liebt. "Ich bin gespannt. Sicher ist, dass das nicht nur 3,50 Euro kostet. Ich halte es dennoch nicht für ausgeschlossen. Wenn einer kommt und sagt, dass Geld keine Rolle spielt, dann bin ich mal gespannt."

Nevada als großer Sandkasten?

"Ich kann es mir nur schwer vorstellen", meint Adorfs BMW-Fahrerkollege Jörg Müller. "Das geht nur, wenn du das passende Gebirge hast. Da müsste man ja nicht nur ein bisschen Sand aufschütten. Die Nordschleife lebt auch vom Alter der Anlage. Die verschiedenen Asphaltsorten, die Sprungkuppen, die Bodenwellen - so etwas kannst du doch nicht eins zu eins nachbauen. Aber falls die das Ding bauen, dann würde ich dort gern mal fahren."

"Ich würde als Erste dort fahren wollen, um zu schauen, ob auch wirklich alles korrekt ist", lacht Nordschleifen-Frontfrau Sabine Schmitz, die jeden Millimeter der legendären "Grünen Hölle" in- und auswendig kennt. "Man müsste schon einen sehr großen Sandkasten haben, um so etwas nachzubauen. Man bräuchte echte Eifel-Topografie. Dass man einige Passagen nachbaut, das kann ich mir vorstellen. Aber gleich die ganze Strecke? Nein, das eher nicht."

"Nimm allein mal den Bereich von Breidscheid bis zur Hohen Acht. Da liegen bestimmt ungefähr 300 Meter Höhendifferenz drin. So etwas musst du erstmal finden", gibt Marco Werner zu bedenken. "Generell wären immense Erdbewegungen erforderlich. Aber warum nicht? In Dubai schütten sie Land auf und schaffen so komplett neue Inseln. Und in Las Vegas denkst du, du stehst in Paris oder in Venedig. Irgendwie ist alles möglich."

"Da hat man sich etwas ganz Großes vorgenommen", kommentiert Olaf Manthey. Der erfahrene Teamchef aus Meuspath ergänzt: "Solch ein Gelände müsstest du erst einmal finden. Heutzutage ist angeblich alles möglich, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass man wirklich 1:1-Kopie mit allen Wellen hinbekommt. Das kann man noch so genau vermessen: Die Charakteristik wird man niemals genau hinbekommen." Manthey scheint von dem Konzept nicht überzeugt.

"Ich kann es mir nur schwierig vorstellen, aber das hätte schon was - eine Nordschleife in der Wüste", meint Ring-Fachmann Marc Hennerici, der im nahen Mayen aufgewachsen und somit waschechter Eifelaner ist. "Das gleiche Gefühl würde dort allerdings niemals aufkommen. Die Nordschleife lebt von Rennen, von den Fans und von dem gesamten Drumherum." Sabine Schmitz stimmt zu: "Unser Ring bleibt immer das Original!"

Hersteller könnten Interesse haben

Allerdings könnte die Nevada-Nordschleife durchaus Auswirkungen auf die Wirtschaft in der Eifel haben. Die deutsche Traditionsanlage ist seit jeher ein beliebtes Testgeläuf für die Automobilhersteller, eine Kopie im wettersicheren Nevada könnte reizvoll sein. "Ich denke, einige Hersteller könnten sich so etwas vorstellen", meint Ossi Kragl, der die Entwicklungen am Nürburgring seit Jahrzehnten aus direkter Nähe verfolgt und mit seinem Unternehmen OK Speed Marketing an eigener Haut erfährt.

"Die Nordschleife ist das Geilste überhaupt", sagt Kragl und fügt an: "Es könnten durchaus einige Hersteller dann nach Nevada wechseln. Das liegt an der fatalen Situation hier. Wenn hier am Ring nicht schnell Klarheit herrscht, dann könnte so etwas zur Bedrohung werden." Der erfahrene Geschäftsmann spielt auf die Entwicklungen der Nürburgring Automotive GmbH an. Mit dem Handeln derer Geschäftsführer waren auch die Automobilhersteller in den vergangenen Jahren nicht immer glücklich.

"Eine amerikanische Nordschleife könnte nie den gleichen Status erreichen", schätzt Dirk Adorf. "Die Nordschleife lebt vom Wald, lebt vom gesamten Ambiente. Man muss nur mal nach Papenburg schauen. Dort kannst du original den kleinen Kurs von Hockenheim nachfahren. Wenn du das mal machst, dann merkst du: Ah ja, ich weiß, wo es langgeht, aber irgendetwas fehlt hier doch. Klare Sache: Der Ring ist und bleibt in der Eifel!"

"Man lebt hier mit 85 Jahren Renngeschichte. Das ist unersetzlich, es ist das entscheidende Alleinstellungsmerkmal", sagt Kragl. "Viele Hersteller gehen ohnehin für Hitzetests nach Nevada. Dort könnte man dann ganzjährig und ohne Theater testen. Wenn das preislich okay ist, dann werden vielleicht einige Hersteller eher dort fahren. Das könnte dem Ring wehtun", meint Marco Werner. Sabine Schmitz hält fest: "Wenn du Reifentests bei kaltem Wetter fahren willst, dann bist du aber in Nevada komplett falsch."