vergrößernverkleinern
Birgit Fischer hat bei Weltmeisterschaften 37 Medaillen gewonnen, davon 27 mal Gold © imago

Comeback mit 49: Bei SPORT1 spricht Rekord-Olympionikin Birgit Fischer über Reaktionen, Ziele und ihre Vorbildfunktion.

Von Daniel Michel

München - Keine andere deutsche Athletin hat so viele Medaillen bei Olympischen Spielen gewonnen wie Birgit Fischer. Acht Gold- und vier Silbermedaillen hat die Kanutin zwischen 1980 und 2004 bei sechs Sommerspielen für die ehemalige DDR und das wiedervereinigte Deutschland geholt.

Und womöglich kommen bei den Olympischen Spielen 2012 in London weitere Medaillen hinzu. Denn die 49-Jährige untermauert im Interview der Woche bei SPORT1 ihre Comeback-Pläne: "Wenn ich in London starte, dann will ich Gold - wie immer!"

Doch zuvor hat die diplomierte Sportlehrerin, die ihre eigene Paddelschule Kanufisch in Päwesin (Brandenburg) betreibt, noch einen weiten Weg vor sich.

Sechs Jahre Pause

Nach der Absage für die Sommerspiele 2008 und rund sechs Jahren Pause geht es für die Mutter von zwei Kindern mit dem Training wieder von vorne los - auch wenn sie sich im September von vielen ihrer Olympia-Souvenirs bereits trennen wird: Für das SOS-Kinderdorfs versteigert sie ihre persönlichen Andenken.

"Mein Comeback ist ein Experiment", betont Fischer bei SPORT1, die bei ihrer letzten Rückkehr 2004 in Athen je einmal Gold und Silber gewann.

Im Interview spricht Fischer über Widerstände gegen ihr Comeback, berichtet von ihrem unorthodoxen Trainingsplan und erklärt, warum sie ein Vorbild für die Generation 45+ ist.

SPORT1: Frau Fischer, träumen Sie bereits von Ihrem neunten Olympia-Gold?

Birgit Fischer: Absolut nicht (lacht). Meine Gedanken sind noch nicht bei Olympia. Mein erstes Ziel muss es sein, fit zu werden, um bei der nationalen Sichtung im April gute Ergebnisse zu erzielen. Wer weiß überhaupt, ob nach sechs Jahren Pause und fortgeschrittenem Alter das Training bei mir noch anschlägt. Ich bin neugierig. Die Sportmediziner sind skeptisch. Aber wenn ich in London starte, dann will ich Gold - wie immer!

SPORT1: Sie meinten, für Ihr Comeback hätten Sie noch ein paar Kilos zu viel drauf. Haben Sie schon einen Trainingsplan aufgestellt, um fit zu werden?

Fischer: Ich stelle grundsätzlich keine Pläne auf. Ich habe ein Ziel und weiß, was ich machen muss. Wenn ich einen Plan erstellen würde, würde ich doch wieder alles über den Haufen werfen. Ich habe auch noch andere Sachen zu erledigen. Im Kopf besitze ich natürlich einen Plan, aber ich habe nichts aufgeschrieben, was ich stringent abarbeite. Der Typ bin ich nicht.

SPORT1: Sie sind mit acht Gold- und vier Silbermedaillen deutsche Rekord-Olympiasiegerin. Was ist der Anreiz, noch einmal bei Olympia zu starten?

Fischer: Die Olympischen Spiele sind für mich noch weit entfernt. Das ist nicht der Hauptgrund für meine Rückkehr, auch wenn sie ein lohnendes Ziel sind. Mich treibt an, meine Grenzen noch nicht gefunden zu haben. Ich verspüre Lust etwas auszuprobieren. Mein Comeback ist ein Experiment. Nirgendwo ist nachzulesen, wie sich eine 49-Jährige auf ein großes sportliches Event vorbereitet. (BERICHT: Fischer: "Es kribbelt noch")

SPORT1: Wollen Sie mit Ihrem Comeback auch der Generation 45+ Mut machen, sich vom teilweise vorherrschenden Jugendwahn abzugrenzen?

Fischer: Ich habe sicherlich für die Frauen in meinem Alter eine Vorbildfunktion. Bereits bei meinem Comeback 2004 haben mir viele Frauen geschrieben, ich mache ihnen Mut, noch mit Sport anzufangen. Für Sport ist es nie zu spät. Ich verstehe auch viele Leistungssportler nicht, die ihre Karriere viel zu früh beenden. Die Verbände bilden die Athleten teuer aus, doch auf dem vermeintlichen Höhepunkt ihrer Karriere hören die Sportler auf. Aber sie wissen nicht, wo ihre Grenzen sind. Ich erinnere mich an das Comeback von Henry Maske: Wer Willen, Kraft und Spaß mitbringt, der kann auch im hohen Alter viel erreichen.

SPORT1: 2008 haben Sie einen Start bei Olympia noch wegen ihres Berufes und der fehlenden Zeit zum Trainieren abgesagt. Was ist heute anders?

Fischer: Ich kann meine Zeit besser überblicken. 2008 bestand mein Unternehmen fünf Jahre und ich brauchte noch viel Zeit für den Aufbau. Jetzt sind viele Abläufe eingespielt und mein Unternehmen hat Charakter und Struktur. Zudem sind meine zwei Kinder von zu Hause ausgezogen. Ich habe nun mehr Freiraum.

SPORT1: Welche Reaktionen haben Sie für Ihr erneutes Comeback erhalten?

Fischer: Ich kenne viele Reaktionen nur aus der Zeitung. Einige Sportler freuen sich auf meine Rückkehr. Andere sagen, die ist völlig irre. Damit kann ich aber gut leben, denn ein bisschen bekloppt muss ich für so ein Vorhaben auch sein. Dann gibt es noch Jens Kahl, den Sportdirektor des Kanu-Verbandes, der sagt, die Fischer soll erst einmal paddeln. Recht hat er!

SPORT1: Fühlen Sie sich vom Kanuverband ausreichend unterstützt? (BERICHT: Kanu-Verband lassen Fischers Comeback-Pläne kalt)

Fischer: Der Deutsche Kanuverband ist für den Nationalkader und den Nachwuchsbereich verantwortlich. Zu beidem zähle ich nicht. Von daher gibt es für uns im Moment keine Gesprächsgrundlage.

SPORT1: Sie sagten, der Verband habe Ihnen noch nicht die Qualifikationskriterien für die nationale Ausscheidung im April 2012 mitgeteilt.

Fischer: Die Qualifikationskriterien sollte ich schon irgendwann erfahren. Ich will wissen, auf was ich mich vorbereiten muss. Meine letzte Information ist, dass der Verband die Kriterien für die zwei Qualifikationsrennen 2012 erst im September beschließen wird.

SPORT1: Spüren Sie weitere Widerstände gegen Ihr Comeback?

Fischer: Ich spüre keinen Widerstand vom Verband. Die Funktionäre erledigen ihren Job nach Vorschrift - und ich will meinen Job machen. Der Präsident des Kanuverbandes, Thomas Konietzko, unterstützt mich in meinem Vorhaben übrigens mental sehr. Einige Verbands-Trainer wünschen mir Glück und bieten ihre Hilfe an. Ich denke, die Lager meinem Comeback gegenüber stehen 50 zu 50.

SPORT1: Wenn Sie in London starten, dann nehmen Sie einem Talent den Platz weg. Sind Sie sich dessen bewusst?

Fischer: Im Leistungssport geht es nicht nach dem Alter, das wissen auch die jüngeren Athleten. Aber wer so denkt, der spricht mir das Kompliment aus, mit der Konkurrenz mithalten zu können. Für den Kanuverband zählt Leistung. Das Alter oder die Haarfarbe dürfen keine Rolle spielen.

SPORT1: Ist es für Sie auch vorstellbar, das Vorhaben abzubrechen?

Fischer: Das kann durchaus passieren. Vielleicht breche ich das Comeback im Dezember ab. Aber ich bin eher der Typ, der das Training bis April durchzieht. Ich habe ein gutes Gefühl - sonst würde ich kein Comeback in Angriff nehmen. Ich bin gesund, ich besitze die Technik und habe ein gutes Gefühl auf dem Wasser. Ich baue auf das gute Gefühl und will es mit Kondition und Kraft untermauern.

Zum Forum - jetzt mitdiskutieren! Zurück zur Startseite

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel