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Polizisten stürmen das Gebäude, um die Geiselnahme zu beenden © imago

Sechs israelische Athleten kehren für die Dreharbeiten eines Dokumentarfilms an die Stätte "des Schreckens" zurück.

München - Historisches Wiedersehen im Münchner Olympiastadion:

Erstmals seit fast 40 Jahren haben sich Überlebende des Terroranschlags bei den Sommerspielen 1972 in München am Donnerstag am Ort des Attentats wiedergetroffen.

Sechs Mitglieder des damaligen israelischen Olympiateams sprachen im Rahmen der Dreharbeiten für einen Dokumentarfilm mit dem Titel "Der elfte Tag - Die Überlebenden von München 1972" über ihre Erlebnisse am 5. September 1972 und danach.

Damals hatte die palästinensische Terrorgruppe "Schwarzer September" die israelische Delegation im Olympischen Dorf überfallen. Elf israelische Sportler und ein deutscher Polizist kamen dabei ums Leben.

Teamkameraden brechen ihr Schweigen

Fechter Don Alon (66 Jahre), Geher Prof. Dr. Shaul Paul Ladany (75), Schwimmtrainer Avraham Melamed (67), Ringer Gad Tsabary (68), die Sportschützen Henry Hershkovitz (85) und Zelig Shtorch (65) sowie der Fechter Yehuda Weinstain (56), der als jüngstes Mitglied der Mannschaft am Donnerstag nicht anwesend war, erzählen im Film ihre Geschichte über die wohl schwärzesten Stunden der Olympia-Geschichte.

Die Teamkameraden hatten seither nie miteinander über ihre Erlebnisse gesprochen.

Ude zieht den Hut

Münchens Oberbürgermeister Christian Ude drückte seine Bewunderung darüber aus, dass die ehemaligen israelischen Sportler "keine unüberwindliche Scheu" gezeigt hätten, an den Ort des Geschehens zurückzukehren, obwohl es "nicht einfach" sei.

"Wie allgegenwärtig die Ereignisse auf der ganzen Welt noch sind, habe ich im Zuge der Münchner Olympiabewerbung erlebt", meinte Ude.

Der gesamten Olympischen Familie sei das Ereignis als "Tag des Schreckens" bewusst. Es sei damals klar gewesen, die Olympischen Spiele würden "nie wieder den unbeschwerten und heiteren Charakter haben", sagte Ude.

"Immer offene und brennende Wunde"

Bislang seien die Opfer und Hinterbliebenen oft in Erinnerung gerufen worden, "aber unbeachtet blieben die Mitglieder, die mit dem Leben davongekommen sind". Auch für sie habe der Anschlag ein "lebenslanges Trauma" ausgelöst, erklärte Ude.

Tibor Shalev Schlosser, israelischer Generalkonsul in München, sprach von einer "immer offenen und brennenden Wunde", die bleiben werde.

Wiedersehen nach 40 Jahren

Die Sportler, die zum Teil das erste Mal seit dem Attentat wieder in München waren, sind froh über die Gelegenheit, endlich einmal auch über ihre Gefühle und Ängste sprechen zu können.

"Uns begleiten gemischte Gefühle. Wir freuen uns, uns wiederzusehen und haben eine tolle Zeit, die aber auf der schlimmsten Zeit beruht", sagte Avraham Melamed.

Er habe 40 Jahre lang keinen Kontakt zu den anderen gehabt, sagte Don Alon. "Ich war begeistert über die Gelegenheit, der Welt zu erzählen, was wir wissen. Jeder von uns hat eine Geschichte."

Tsabary tief bewegt

Gad Tsabary, der für einige Minuten als Geisel festgehalten worden war, aber als Einziger noch fliehen konnte, ist zum zweiten Mal seit den schrecklichen Stunden in München.

"Wenn ich hierherkomme, erstarre ich immer für einige Sekunden", sagte er. Tsabary hatte als einziger der Überlebenden später einen Psychologen aufgesucht, um die Ereignisse zu verarbeiten.

Unterstützung der Entscheidung

Nach einer Unterbrechung von eineinhalb Tagen und einer Trauerfeier am 6. September 1972 hatte der damalige IOC-Präsident Avery Brundage mit den legendären Worten "The Games must go on!" - "Die Spiele müssen weitergehen!" die Fortsetzung der Wettbewerbe in München verkündet.

Eine Entscheidung, die zu dieser Zeit sehr kontrovers gesehen wurde, aber bei den anwesenden Zeitzeugen inzwischen als richtig eingeschätzt wird.

"Damals dachte ich, wenn wir unsere Freunde beweinen, sollten andere nicht um Medaillen kämpfen", sagte Henry Hershkovitz: "Heute aber denke ich, es war gut weiterzumachen. Ein Abbruch wäre ein Sieg für die Terroristen gewesen."

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