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Hans-Peter Friedrich beerbte Thomas de Maiziere im März 2011 als Innenminister © getty

100 Tage vor Olympia 2012 macht Hans-Peter Friedrich Hoffnung auf Olympia in Deutschland und blickt auf die Spiele in London.

Von Daniel Michel und Andreas Kloo

München - Alle vier Jahre können die deutschen Sportler der Welt zeigen, was sie drauf haben.

Ob Leichtathletik, oder Turnen, ob Tischtennis oder Hockey: Für zwei Wochen versammelt sich die Weltelite des Sports an einem Ort und kämpft um Gold, Silber oder Bronze.

In genau 100 Tagen ist es wieder so weit. Am 27. Juli werden in London die 30. Olympischen Sommerspiele eröffnet.

Auch das Interesse des deutschen Innenministers Hans-Peter Friedrich wird sich dann auf die Wettbewerbe in der englischen Hauptstadt richten. Denn als Bundesinnenminister ist er auch für den Sport zuständig.

Bereits im Juni findet mit der Fußball-EM in Polen und der Ukraine das zweite sportliche Großereignis dieses Jahres statt.

Im Interview mit SPORT1 blickt Friedrich auf Olympia und Fußball-EM voraus. Dabei erklärt er, warum Sportler auch Vorbilder sein müssen und spricht über die Hooligan-Problematik.

Olympia in Deutschland?

SPORT1: Herr Bundesminister Friedrich, in genau 100 Tagen starten in London die Olympischen Spiele 2012. Spannend ist am Ende der Medaillenspiegel. 2008 in Peking belegte Deutschland den fünften Platz mit 16 Goldmedaillen und insgesamt 41 Plätzen auf dem Podium. Was erwarten Sie in London?

Hans-Peter Friedrich: Fans und Medien blicken gerne auf den Medaillenspiegel, und das deutsche Team will in diesem Jahr sicher nicht hinter die Ergebnisse von Peking zurückfallen. Doch im Kampf um die Top-Plätze kann ein Missgeschick einer Medaillenhoffnung ausreichen, und schon rutscht das gesamte Team in der Wertung ab. Mir ist wichtig, dass die Athleten bestens vorbereitet nach London reisen. Natürlich hoffe ich, dass sie dort ihre Chancen nutzen. Doch für den großen Erfolg ist oft auch ein wenig Glück notwendig.

SPORT1: London richtet die Spiele 2012 aus, dagegen ist die Bewerbung Münchens für die Olympischen Winterspiele 2018 gescheitert. Nun plant die bayerische Landeshauptstadt einen zweiten Anlauf. Der DOSB konzentriert sich dagegen offenbar auf die Ausrichtung für die Sommerspiele. Besteht Hoffnung, dass es in naher Zukunft wieder Olympische Spiele in Deutschland geben wird?

Friedrich: Die Entscheidung, ob sich der DOSB für Sommer- oder Winterspiele bewirbt, ist noch offen. Ohne Zweifel stand am Ende der Bewerbung für München 2018 eine herbe Niederlage. Dennoch sehe ich auch positive Seiten: Die Bewerbung hat viel Dynamik gebracht. Alle, die sich an der Präsentation beteiligt haben, sind jetzt noch fasziniert davon, was Deutschland als Wintersport-Nation bietet. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann sich eine deutsche Stadt wieder für Olympia bewirbt. Und ich bin sicher: Es wird wieder Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland geben. Allerdings sind sportpolitische Faktoren bei der Entscheidung zu berücksichtigen, etwa welcher Kontinent die Spiele 2020 ausrichtet.

Wie kann die Politik Sportler unterstützen?

SPORT1: Nationen wie Russland, Großbritannien und Frankreich erklären den Sport zur nationalen Angelegenheit, die Politiker sonnen sich dabei gerne an der Seite ihrer erfolgreichen Sportler. In Deutschland pflegen Politiker wohl aufgrund der Historie ein vergleichsweise zurückhaltendes Verhältnis zu den Athleten. Sollte die deutsche Politik mehr Begeisterung an den Tag legen?

Friedrich: Sie werden hierzulande nicht viele große Sportveranstaltungen finden, bei denen nicht ein Politiker anwesend ist und seine Solidarität mit dem Sport unter Beweis stellt. Vielleicht könnte der ein oder andere erfolgreiche Sportler auch in der politischen Öffentlichkeit mehr Anerkennung erhalten. Aber wir Politiker sollten vorsichtig bleiben und uns nicht mit fremden Federn schmücken. Davon unabhängig ist die Solidarität der Politik mit dem Sport, und die ist unverkennbar vorhanden.

SPORT1: Diskus-Weltmeister Robert Harting hat in der Vergangenheit kritisiert, andere Länder wie beispielsweise Polen würden ihren Athleten finanziell stärker unter die Arme greifen. Muss der deutsche Staat finanziell draufsatteln?

Friedrich: Auch wenn Deutschland bislang besser als andere Länder durch die Finanzkrise gekommen ist, haben auch wir keine unbegrenzten finanziellen Möglichkeiten. Der Aufwand, den wir betreiben, kann sich sehen lassen. Der Bund gibt für den Leistungssport viel Geld aus, allein aus dem Innen- und Sportministerium fließen 155 Millionen Euro im Jahr in den Leistungssport. Darüber hinaus unterstützen wir den Leistungssport, indem wir jungen Spitzensportlern bei der Bundespolizei, bei der Bundeswehr und beim Zoll eine berufliche Perspektive für die Zeit nach ihrer Sportkarriere bieten. Aus unserer Sicht soll ein Sportler nicht mit 30 Jahren und seiner Goldmedaille in Rente gehen. Ich denke, das duale System aus finanzieller Unterstützung und beruflicher Fortbildung ist eine faire, vorausschauende Lösung für die Sportler.

Vorbildfunktion der Sportler

SPORT1: Olympia und Fußball-EM sind große Medienereignisse, die nationale Aufmerksamkeit erzeugen. Allerdings erleben die TV-Zuschauer dabei auch öfter unschöne Szenen, etwa wie im Fußball bei Lukas Podolskis Ohrfeige gegen DFB-Kapitän Michael Ballack. Auch der Stinkefinger von Stefan Effenberg ist unvergessen. Sehen Sie die Vorbildwirkung von Spitzensportlern in Gefahr?

Friedrich: Jeder, der Sport treibt, weiß: In einer Wettkampfsituation steht ein Sportler unter besonderer Anspannung. Man ärgert sich mal über sich, mal über den Gegenspieler oder über den Schiedsrichter. Das gehört zum Sport. Aber als Bundesliga-Spieler oder als Olympia-Teilnehmer ist man natürlich Vorbild, und alles was man tut, wirkt in den Breitensport hinein. Das muss jedem klar sein.

SPORT1: Vor Olympia steht im Juni die Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine an. Am Donnerstag sind es noch 50 Tage bis zum Eröffnungsspiel. Fußball-Deutschland wartet auf den ersten großen Titel seit 1996. Glauben Sie an den Erfolg der Löw-Elf in diesem Jahr?

Friedrich: Ich habe bereits den 1. Juli in meinem Kalender geblockt. Da steht: EM-Finale. Ich bin überzeugt, dass wir ins Endspiel kommen. Für den Sieg müssen aber viele Dinge zusammenpassen, und ein wenig Glück braucht das DFB-Team auch. Mit den Niederlanden, Portugal und Dänemark als Gruppengegner starten wir ja gleich mit einer großen Herausforderung, aber ich bin optimistisch.

SPORT1: Was begeistert Sie an der Nationalelf?

Friedrich: Zu meiner Jugendzeit hieß es in etwa: Der Sturm und das Mittelfeld muss von Bayern München sein, die Abwehr von Gladbach - sonst kann das Team nicht zusammenspielen. Heute gibt es ständige Spieler-Wechsel auf fast allen Positionen - und dennoch sind die Jungs schnell in der Lage, die taktische Marschrichtung von Joachim Löw umzusetzen und mit attraktivem Kombinationsspiel zu überzeugen.

SPORT1: Als Innenminister sind Sie auch für den Bereich Integration zuständig. Kann hier etwa die deutsche Nationalmannschaft, bei der zahlreiche Spieler auch Wurzeln im Ausland haben, eine gesellschaftliche Signalwirkung einnehmen?

Friedrich: Wenn über Integration gesprochen wird, lautet die Frage meist, was noch zu leisten ist. Natürlich dürfen wir die Augen vor Missständen nicht verschließen. Wir sollten aber in Deutschland mehr darüber sprechen, was alles schon gelungen ist. Die ganz überwiegende Mehrheit der Migranten ist längst integriert, ohne Probleme. Ich plädiere dafür, mehr über die zahlreichen positiven Beispiele für Integration zu reden, denn das kann ja Anreiz für viele andere sein. Natürlich fallen einem hier sofort Mesut Özil und Miroslav Klose ein. Sie sind Persönlichkeiten, die mit ihrer positiven Art auch Vorbildwirkung beim Thema Integration haben.

Gewalt in Stadien

SPORT1: Immer mehr Sorgen bereiten dagegen gewaltbereite Fußball-Fans. Haben Sie eine Erklärung für dieses Phänomen?

Friedrich: Es gibt Fans, die, wenn sie zum Alkohol greifen, nicht mehr Herr ihrer Sinne sind und Gewalt ausüben. Es gibt andere Leute, die sind schon von Haus aus gewalttätig und überlegen nur: Wo kann ich Randale machen? Das sind keine Fans, denn denen geht es von vornherein nicht um den Sport. Staat und Vereine müssen nun überlegen: Wo können wir über den Dialog etwas bewirken. Doch es kommt der Punkt, wo Gespräche nicht mehr helfen, sondern wo wir hart durchgreifen müssen. Wir haben zahlreiche Aktionen eingeleitet: Wir haben mit dem DFB und DFL einen Zehn-Punkte-Plan erstellt und sind dabei, die Punkte umzusetzen, wir haben zusammen mit Verbänden und Vereinen eine Task Force Sicherheit einberufen, und wir unterstützen zahlreiche Fanprojekte. In den Fanprojekten der drei Profiligen wird sehr professionell und vorbildlich gearbeitet. Doch auch in den Ligen darunter gibt es Probleme, insofern muss das auch auf diese ausgeweitet werden.

SPORT1: Ist noch mehr Polizei-Präsenz erforderlich?

Friedrich: Die Polizei ist bereits jetzt auf dem Weg der Fans zum Stadion an vielen Stellen präsent. Es muss allen klar sein, dass wir nicht jeden Hooligan auf Schritt und Tritt überwachen können. In der vergangenen Saison haben die Polizisten von Bund und Ländern rund 2,3 Millionen Arbeitsstunden rund um Fußballspiele geleistet - eine riesige Zahl. Dazu kommt, dass für die Sicherheit in den Stadien in erster Linie die Stadionbetreiber verantwortlich sind. Sie müssen von ihren Mitteln wie Stadionverboten konsequent Gebrauch machen.

SPORT1: Bayern-Präsident Uli Hoeneß hat beim Thema Pyrotechnik eine Lockerung vorgeschlagen: Was halten Sie von einem abgetrennten Bereich im Stadion, bei der Fans Bengalos abbrennen dürfen?

Friedrich: Pyrotechnik während eines Fußballspiels ist inakzeptabel. Bei allem Verständnis für die Faszination, die davon ausgeht: Die Pyrotechnik ist verboten und bleibt verboten, weil sie zu gefährlich ist. Auch bei abgetrennten Bereichen ist das Risiko zu hoch, es kann immer etwas schief gehen. Bei der Pyrotechnik entstehen Temperaturen von über 1000 Grad. Ständig kommen junge Leute ins Krankenhaus, die sich beim Hantieren mit diesem gefährlichen Zeug verletzt haben. Irgendwo muss es eine Grenze geben - und bei der Pyrotechnik ist sie überschritten.

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