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Hans-Jochen Vogel war von 1960 bis 1972 Oberbürgermeister von München © imago

Vor 40 Jahren gingen die Spiele 1972 zu Ende. Bei SPORT1 blickt Münchens Ex-Oberbürgermeister Vogel zurück - und nach vorne.

Von Martin Volkmar

München - In dieser Woche vor genau 40 Jahren, am 11. September 1972, endeten die Olympischen Sommerspiele in München (BERICHT: Als Olympia seine Unschuld verlor).

Sie wären vermutlich in leuchtender Erinnerung geblieben, wenn das Attentat palästinensischer Terroristen auf die israelische Mannschaft und die misslungene Befreiungsaktion nicht gewesen wären.

Einer, der an der letzten erfolgreichen deutschen Olympiabewerbung ebenso wie an den Spielen maßgeblich beteiligt war, ist der frühere Münchner Oberbürgermeister Dr. Hans-Jochen Vogel.

Der heute 86-Jährige, später unter anderem Bundesminister und SPD-Vorsitzender, spricht im SPORT1-Interview der Woche über die Hintergründe der Tragödie des 5. September, die Stimmung vor dem Attentat und eine erneute Olympiabewerbung.

SPORT1: Von Thomas Mann stammt der Spruch "München leuchtet". Hat München 1972 geleuchtet?

Hans-Jochen Vogel: In diesen Tagen von der Eröffnung am 26. August bis zum 5. September leuchtete München in besonderer Weise, das ist wahr. Aber dann kam eben der Schatten.

SPORT1: Sie sprechen das Attentat an, bei dem neun israelische Geiseln starben. Wie stark sind bei Ihnen in den vergangenen zwei Wochen die Erinnerungen daran hochgekommen?

Vogel: Die Bilder vom 5. September 1972 treten mir immer wieder vor Augen. Besonders, wenn man wie jetzt am Gedenktag an den Stätten war, wo das damals geschehen ist. Als Mitglied des Organisationskomitees habe ich den Tag ziemlich nah miterlebt und habe mich auch wie andere den Terroristen als Austauschgeisel angeboten. Und ich bin schließlich am 7. September mit den Särgen der israelischen Sportler nach Tel Aviv geflogen. Die Trauer darüber ist nach wie vor groß und gegenwärtig.

SPORT1: Wie bewerten Sie die schweren Vorwürfe, unter anderem von Hinterbliebenen der Opfer, die die damaligen deutschen Rettungsbemühungen scharf kritisiert haben?

Vogel: Da muss man drei Bereiche unterscheiden. Zum einen die Vorgänge auf dem Flughafen in Fürstenfeldbruck. Da kann man Fehler nicht bestreiten. Etwa die Tatsache, dass zu wenig Scharfschützen eingesetzt wurden (CHRONOLOGIE: Der 5. September, ein Tag des Grauens).

SPORT1: Zum anderen?

Vogel: Das zweite sind die Entscheidungen des Krisenstabs. Da wird zu Recht kritisiert, dass die Fernsehteams nicht weiter von der Connollystraße 31 ferngehalten wurden und die Frage gestellt, ob man nicht zumindest den Strom hätte abschalten müssen, damit die Terroristen nicht das Ganze im Fernsehen verfolgen konnten. Aber ob der Befreiungsversuch dann glücklich ausgegangen wäre, bleibt eine offene Frage.

SPORT1: Und der dritte Punkt?

Vogel: Das Sicherheitskonzept. Natürlich sollten sich die Spiele in München in jeder Weise von den NS-Spielen 1936 in Berlin unterscheiden: Heiter, offen und fröhlich. Ich kann mir die Kritik ausmalen, wenn wir um den Olympiapark eine drei Meter hohe Mauer gezogen hätten. Außerdem hat keines der teilnehmenden Länder gegen dieses Sicherheitskonzept protestiert - auch nicht Israel. Gerade diesen Punkt sollten einige der heutigen Kritiker hinterfragen.

SPORT1: Bleibt der Vorwurf, die Spiele hätten nach dem Attentat abgebrochen werden müssen.

Vogel: Ich war am Beginn des Tages auch der Meinung, sie sollten abgebrochen werden. Aber mich hat schließlich das Argument überzeugt, dass dann Terroristen darüber entscheiden, ob solche Veranstaltungen stattfinden oder nicht. Und das hätte einen wichtigen Präzedenzfall geschaffen. Auch die Überlebenden haben ja gesagt, dass es richtig war, die Spiele fortzusetzen. Insofern ist diese Kritik nicht berechtigt. Aber es ändert nichts daran, dass einen diese Tragödie bedrückt und man sich im Nachhinein immer noch wünscht, die Menschen hätten befreit werden können.

SPORT1: Was bleibt außer dem Attentat in Erinnerungen von den bis dahin sehr erfolgreichen Spielen?

Vogel: Die erste Hälfte hat sich natürlich ganz deutlich von den Tagen nach dem 5. September unterschieden, über denen ein großer, schwarzer Schatten lag. Aber in der Erinnerung ist schon beides gegenwärtig. Auch die Tatsache, dass sich Deutschland, Bayern und München ganz anders präsentiert haben als das 1936 der Fall war. Und das lebt ja auch in Gestalt des Olympiaparks weiter. Auch weltweit fällt den Menschen sicher immer wieder dieses Attentat ein, aber das hat nicht alles andere verdrängt.

SPORT1: Sie haben damals alles von der Bewerbung an hautnah miterlebt. Wie stehen Sie heute zur Olympischen Idee?

Vogel: Da ist meine Haltung gespalten. Ich freue mich natürlich über sportliche Höchstleistungen und schaue im Fernsehen auch gerne zu. Aber es macht mich nachdenklich, wie sehr ökonomische Gesichtspunkte den Olympischen Gedanken beherrschen und zum Teil auch verdrängen. Und ich würde es begrüßen, wenn das IOC stärker den Frieden und die Absage an jede Gewalt als olympische Ideale berücksichtigen würde. Man hätte daher in London mit einer Schweigeminute des Attentats von 1972 gedenken müssen.

SPORT1: Seit München gab es keine Olympischen Spiele mehr auf deutschem Boden, aber mehrere vergebliche Bewerbungen. Wie sehen Sie die Aussichten?

Vogel: Bei den Sommerspielen bin ich skeptisch. Wir hatten ja mit München die Winterspiele 2018 ins Auge gefasst. Ich verstehe, dass Pyeongchang bei der dritten Bewerbung nicht nochmal enttäuscht werden sollte. Aber das Münchner Konzept war gut. Deshalb würde ich sagen, wenn die Voraussetzungen gegeben sind und die Bürger zustimmen: Versucht es noch einmal!

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