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Matthias Behr (r.) gewann mit Thomas Bach 1976 olympisches Florett-Gold im Team © imago

Der Olympiasieger kennt den neuen IOC-Präsidenten seit fast 50 Jahren. Bei SPORT1 spricht er über Bachs private Seite und Ziele.

Von Martin Volkmar

München - Außer seiner Schwester kennt kaum einer Thomas Bach länger als Matthias Behr.

Vor 46 Jahren gab der eineinhalb Jahre ältere Bach dem damals zwölfjährigen Behr in Emil Becks noch jungem Tauberbischofsheimer Fechtclub die ersten Lektionen.

Behr, seit dem Ende seiner erfolgreichen Karriere als Aktiver Leiter des dortigen weltbekannten Fechtinternats und Olympiastützpunkts, hat aus dem heimatlichen Mainfranken den Aufstieg seines einstigen Teamkollegen aus der Florett-Nationalmannschaft zum ersten deutschen IOC-Präsidenten verfolgt.

Im SPORT1-Interview der Woche spricht der Olympiasieger und dreimalige Weltmeister über den Werdegang und die Persönlichkeit von Thomas Bach, seine private Seite und seine Erwartungen im neuen Amt. (BERICHT: Bach ist der Herr der Ringe)

SPORT1: Herr Behr, hat Sie die Wahl von Thomas Bach gefreut?

Matthias Behr: Das hat mich mehr als gefreut. Wir kennen uns seit Jugendzeiten auf der Planche in Tauberbischofsheim und haben zusammen erstmals bei den Junioren-Weltmeisterschaften in Chicago 1971 international gekämpft. Thomas hat die Bronzemedaille gewonnen und ich wurde nur Fünfter. Er hat also da schon die Nase vorne gehabt.1972 saßen wir dann wieder im selben Boot, als wir zu unserer größten Enttäuschung trotz sportlicher Qualifikation nicht für die Olympischen Spiele in München nominiert wurden. Und 1973 sind wir zusammen in Göteborg völlig überraschend Vize-Weltmeister geworden. Wir waren damals die "jungen Wilden".

SPORT1: Und gewannen drei Jahre später völlig überraschend gemeinsam Olympia-Gold mit der Florett-Mannschaft in Montreal...

Behr: Wir waren wirklich absoluter Außenseiter. Favorisiert waren die Italiener, doch wir haben sie im Endkampf tatsächlich geschlagen. Da war Thomas mit drei Siegen der Beste. Danach wurden wir überall herumgereicht und der Höhepunkt war der einzigartige Empfang in Tauberbischofsheim mit 30.000 Menschen, als wir auf Schultern getragen wurden.

SPORT1: Wie war Ihr Verhältnis zur damaligen Zeit?

Behr: Ich war zu dieser Zeit ganz anders als Thomas. Wir haben zusammen trainiert und fast alle Erfolge im Team gefeiert, aber eine Freundschaft hatte ich zu der Zeit zu keinem Mannschaftskameraden. In einer Kampfsportart war man immer Gegner. Aber in den Teamwettkämpfen waren wir eine verschworene Einheit, bei der kein Blatt Papier dazwischen gepasst hat.

SPORT1: Welches Verhältnis haben Sie heute zu Thomas Bach? (BACH: Das packt mich immer noch)

Behr_ Natürlich verfolgt man, dass er seit 22 Jahren im IOC und dort seit längerem in der Exekutive ist, aber wenn wir uns bei Veranstaltungen getroffen haben, war es immer ein herzliches Miteinander. Er ist für mich immer Mensch geblieben. Wir beide sind ja auch Bischemer Buben, nur dass ich in Tauberbischofsheim geboren wurde und er in Würzburg. Mit der Region und in erster Linie mit Tauberbischofsheim verbindet ihn auch sehr Vieles, deswegen hat man ihn 2008 zum Ehrenbürger dieser Stadt ernannt.

SPORT1: Ein Hauptkritikpunkt an ihm war, dass er es allen recht machen würde, nur um am Ende zum IOC-Präsidenten gewählt zu werden. Andere trauen ihm dagegen durchaus Reformen zu. Wie schätzen Sie das ein? (BERICHT: Kritik an Bach hält an)

Behr: Man muss auch irgendwo um eine Mehrheit kämpfen, aber ich bin mir ganz sicher, dass er neue Impulse und Innovationen im IOC umsetzen wird. Alleine kann er aber nichts entscheiden, er muss die Mehrheit überzeugen. Das wird seine Zeit brauchen, doch er hat eine klare Meinung. Es war zum Beispiel schon immer seine Meinung, dass Doper lebenslänglich gesperrt werden müssen - auch wenn er sich dann belehren lassen musste, dass dies aufgrund der Rechtslage überhaupt nicht möglich ist. Das ist der Unterschied zwischen dem Wunsch der Vielen und der Realität.

SPORT1: Würden sie Ihn eher als pragmatischen Reformer ansehen?

Behr: Ja, genauso kann man ihn bezeichnen. Er wird sich in Themen nur persönlich einbringen, wenn er auch die Chance der Umsetzung sieht. Das ist wie beim Fechten: Mache ich einen Angriff, wenn ich jetzt schon weiß, dass ich nicht treffe?

SPORT1: Sehen Sie Parallelen zwischen seinem Auftreten als Fechter und dem jetzigen Posten als IOC-Boss?

Behr: Bei uns heißt es: "Zeig mir wie Du fichst und ich sage Dir, wie Du bist." Die Eigenschaften, die sich Thomas im Fechten angeeignet hat, hat er ausgebaut. Man braucht vor allem Konzentration und Disziplin - und muss auf den richtigen Moment warten.

SPORT1: Das Abwarten hat sich gelohnt. Was kann man vom ersten deutschen IOC-Präsidenten erwarten?

Behr: Er kommt ja nicht aus dem Nichts. Seit er im IOC ist, hat er verschiedene Kommissionen geleitet Und er hat letztendlich immer durch sein Fachwissen überzeugen können. Er war erfolgreich und anerkannt und am Ende hat er sich bei der Wahl gegen fünf Mitbewerber deutlich durchgesetzt. Ich bin sehr optimistisch, dass er im neuen Amt einiges auf den Weg bringen wird, wenn man ihm die Zeit gibt.

SPORT1: Viel ist über den Menschen Thomas Bach nicht bekannt. Wie ist er privat?

Behr: Ich habe ihn vor einiger Zeit auf dem 60. Geburtstag von Klaus Eder getroffen, als wir in netter Gesellschaft unter Freunden eine Stunde lang geredet haben, obwohl er zwei Tage später nach Kolumbien zu einem Event der nicht-olympischen Sportarten musste. Und das gefällt mir. Auch bei seinen runden Geburtstagen waren neben den ganzen Prominenten auch immer die Weggefährten aus Tauberbischofsheim eingeladen, oder auch seine Skatrunde. Ich glaube, dafür hätte er gerne mehr Zeit. Das geht nicht, weil er sich für andere Aufgaben entschieden hat. Das unterscheidet uns: Ich bin ein Familienmensch und habe vier Kinder. Er hat keine, er hat sich für diese Karriere entschieden. (PORTRÄT: Herr der Strippen)

SPORT1: Was bedeutet so eine Wahl für Tauberbischofsheim, besonders für den Tauberbischofsheimer Fechtclub?

Behr: Wir haben am Tag der Wahl ein kleines Public Viewing bei uns mit 250 bis 300 Leuten veranstaltet. Für mich war die Anspannung mit einem Wettkampf vergleichbar. Und dann auch noch in Buenos Aires, wo wir 1977 zusammen nach 1:7-Rückstand im Finale gegen Italien noch Weltmeister geworden sind. Es war Gänsehaut-Feeling, eine riesige Freude und die ganze Stadt ist sehr stolz. Wer weiß, ob es jemals wieder einen Deutschen an der Spitze des IOC gibt. Dann müsste es jedenfalls wieder ein Knaller wie Thomas sein.

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