Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat Sport und Politik für den Umgang mit der Tragödie bei den Olympischen Spielen von München 1972 scharf kritisiert.

"Meine Wut ist nicht vergangen, mein Zorn ist nicht verraucht, meine Tränen sind nicht getrocknet. Ich habe mich nicht mit der Kälte, dem Versagen, dem Schock und dem Schmerz abgefunden. Und ich werde es nie tun", sagte Graumann beim Gedenkakt für die zwölf Opfer des Terroranschlags vom 5. September 1972.

Graumann betonte, die Reaktion der deutschen Sportpolitik auf das Attentat bleibe "ein dunkler Fleck in der Geschichte des deutschen Sports". Die "lässige Schnoddrigkeit", mit der die Funktionäre dem Drama damals begegnet seien, "werde ich ihnen niemals vergessen".

Den damaligen Sicherheitsbehörden attestierte er "desaströsen Dilettantismus", bis heute sei "von Selbstkritik keine Spur".

Auch den damaligen IOC-Präsidenten Avery Brundage, der die Spiele mit dem Satz "the games must go on" fortsetzen ließ, kritisierte Graumann scharf. Brundage habe diesen Satz "ohne einen Hauch von Mitgefühl hingenuschelt", nach dem Motto: "Wen kümmern die Juden."

Brundage habe schon bei der Vergabe der Spiele 1936 an Berlin "eine zwielichtige Rolle gespielt", sei ein Antisemit gewesen. Auch Willi Daume, der damalige Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, habe "nicht die Empathie, die angebracht gewesen wäre", gezeigt.

Die "Kälte des IOC", fügte Graumann an, dauere bis heute an. Das zeige die Weigerung von Präsident Jacques Rogge, bei den Spielen in London im Rahmen der Eröffnungsfeier eine Schweigeminute abzuhalten.

"Eine Minute der Trauer - war das zu viel verlangt? Empathie ist das nicht, und Frost geht so. Kein Mensch, der ein Herz im Leib hat, wird die vereiste Seelenlosigkeit des IOC je verstehen", sagte er.

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel