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Diego (r.) spielte zum Auftakt 90 Minuten gegen Belgien © imago

Rafinha und Diego spielen für Brasilien, Schalke reagiert empört. FIFA-Boss Sepp Blatter wirkt immer verzweifelter.

Peking/Shenyang - Als Rafinha und Diego am Donnerstag erstmals vor den Ball traten, musste FIFA-Boss Joseph S. Blatter mehr denn je um das olympische Fußball-Turnier fürchten.

Nach der peinlichen Pleite des Weltverbandes am Mittwoch vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS hatte der Schweizer wenige Stunden vor dem Beginn des Turniers fast hilflos einen verzweifelten Rundumschlag gestartet, der verdeutlichte, dass im bizarren Abstellungsstreit mit den Klubs nichts mehr unmöglich ist.

"Das könnte einen Schneeballeffekt haben", meinte Blatter mit Blick auf das CAS-Urteil.

"Spieler könnten nun vom Turnier abgezogen werden. Wir werden dann einfach kein olympisches Fußball-Turnier mehr haben."

"Können Spieler nicht gehen lassen"

Der 72-Jährige konnte am Rande der IOC-Session in Peking seine Erregung und Verärgerung nicht verbergen.

"Wir können sie (die Spieler, d. Red.) nicht gehen lassen. Es würde das ganze Turnier gefährden", sagte Blatter und flüchtete sich in Sarkasmus: "Wir könnten natürlich zum Strand-Fußball zurückkehren oder Fünf gegen Fünf spielen lassen."

Schalke 04 und Werder Bremen, die einen Verbleib ihrer Profis Rafinha und Diego in China an Bedingungen knüpfen, griff Blatter scharf an.

Urteil "kompletter Unsinn"

"Sie sagen: 'Lasst sie spielen, aber wir wollen eine Entschädigung' - ist das der olympische Geist?", meinte Blatter und nannte die Situation "höchst unbefriedigend".

Das CAS-Urteil bezeichnete er als "kompletten Unsinn". Er könne nicht verstehen, wie der CAS, ein Ableger der olympischen Bewegung, so ein Urteil fällen könne.

Dass die Situation brisant bleibt, war spätestens um 17 Uhr chinesischer Zeit am Donnerstag klar. Zu diesem Zeitpunkt startete Brasilien mit den Bundesliga-Profis Rafinha und Diego gegen Belgien (1:0) ins olympische Turnier.

"Erwarten Reaktion"

"Wir erwarten ein sehr zeitnahe Reaktion des brasilianischen Verbandes oder der FIFA, die wir mit dieser Angelegenheit beauftragt haben. Falls dies nicht geschieht, werden wir weitere juristische Schritte einleiten. Ich finde es unmöglich, mit welcher Arroganz der brasilianische Verband uns behandelt. Da können sie noch zehnmal Weltmeister werden, das tut man nicht", wetterte Schalke-Manager Andreas Müller.

Der Klub habe das anhängige Verfahren gegen den brasilianischen Verband CBF beim CAS noch nicht zurückgenommen. Rafinha spielt momentan ohne Freigabe der Königsblauen.

Der CBF erklärte nach der Partie, dass sie fest davon ausgehe, das Duo behalten zu dürfen. "Rafinha und Diego bleiben", erklärte Sprecher Rodrigo Paiva.

Bremen bleibt gelassen

Diegos Arbeitgeber Werder Bremen sah die Situation weniger prekär.

"Wir haben gestern nach dem Bekanntwerden des Urteils Kontakt zum brasilianischen Fußball-Verband und zur FIFA aufgenommen und unsere Forderungen hinterlegt. Während wir vom brasilianischen Verband noch nichts gehört haben, kamen positive Signale von der FIFA", sagte Geschäftsführer Klaus Allofs, der sich erstmals detailliert zu den Forderungen der Bremer äußerte.

Sollten Schalke und Bremen Rafinha und Diego zurückholen? Diskutieren Sie mit in der Sport1.de-Community !

Diego darf bleiben

"Es geht uns vor allem darum, dass für den Fall einer Verletzung Diegos ein finanzieller Schaden von Werder Bremen abgewendet wird. Es soll einen angemessenen Versicherungsschutz für die Spieler geben." Eine Abstellungsgebühr oder die Übernahme des Gehaltes stehe "nicht ganz oben auf unserer Prioritätenliste".

Eine vorzeitige Rückkehr Diegos nach Bremen steht für Werder nicht mehr zur Debatte. "Wir haben ihn informiert und ihm für das olympische Turnier viel Erfolg gewünscht. Wir hoffen, dass er verletzungsfrei bleibt und das eine oder andere Tor beisteuert", sagte Allofs.

Diego erklärte nach dem Spiel gegen Belgien: "Ich werde auf jeden Fall hierbleiben. Ich bin sehr glücklich über die Entscheidung von Werder, dass ich das auch darf."

Kompany vor Rückkehr nach Hamburg

Früher als geplant kann wohl unterdessen der Hamburger SV auf Vincent Kompany zurückgreifen.

Der Defensivspezialist flog in der 72. Minute des Olympia-Auftaktspiels der Belgier per Gelb-Roter Karte vom Platz. Kompany war ohnehin vom HSV nur für zwei Spiele für Olympia abgestellt worden.

Bedingungen an CBF

Am Mittwoch hatte der Internationale Sportgerichtshof in Peking verkündet, dass für die U-23-Spieler keine Abstellungspflicht seitens der Klubs bestehe. Andere Vereine können sich nun mit einem Widerspruch anschließen und ihre U23-Spieler zur Rückkehr zwingen.

Schalke und Bremen wollen dies nicht tun, solange der brasilianische Verband CBF drei Bedingungen erfüllt:

Er soll für die Zeit der Abstellung die Gehälter der Spieler übernehmen, eine zusätzliche Abstellungsgebühr entrichten und die Allofs so wichtige Versicherung abschließen.

Appell an die Klubs

Hertha BSC Berlin, das durch den Serben Gojko Kacar betroffen ist, schloss sich den Forderungen an. Kacar saß beim Auftaktspiel der Serben gegen Australien in Shanghai zunächst auf der Ersatzbank.

Wenige Stunden zuvor hatte IOC-Präsident Jacques Rogge die Klubs zum Einlenken aufgefordert. "Lasst die Spieler ihren Traum leben. Ich appelliere an die Klubs, den olympischen Geist bis zum Ende der Spiele zu achten", sagte Rogge.

Nach den Spielen in Peking will Rogge gemeinsam mit Blatter nach einer Lösung für künftige olympische Turniere suchen.

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