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Fabian Wegmann (r.) kam in Peking als einziger Deutscher ins Ziel © getty

Die Deutschen schieben das schlechte Abschneiden beim olympischen Straßenrad-Rennen auf Hitze und Smog. Voigt spricht Klartext.

Peking - Grenzwertig, gesundheitsgefährdend, pervers:

Nach dem ernüchternden "Saunagang" an der Chinesischen Mauer war der Aufschrei bei Stefan Schumacher und seinen Leidensgenossen über die Bedingungen beim wohl härtesten Straßenradrennen der Olympia-Geschichte groß.

Einzig Jens Voigt wollte das allgemeine Wehklagen seiner Kollegen nicht mitmachen und sprach Klartext.

"Wer hat denn gesagt, dass Olympia leicht wird? Radrennen ist nun einmal ein harter Sport. Im Frühjahr bei den Klassikern oder bei der WM fahren wir doch auch 240 km. Wir sollten nicht nach Entschuldigungen suchen. Alle hatten die gleichen Bedingungen", sagte Voigt.

Streckenlänge grenzwertig

Schumacher und Co. sahen dies freilich anders.

"Das kann nicht gesund sein. Keiner von uns ist bei den Bedingungen jemals ein Radrennen gefahren. Die drückende Hitze, dazu der Smog. Ich bin völlig fertig. Das ganze Rennen war eine Quälerei", klagte die deutsche Goldhoffnung, nachdem er entkräftet und frustriert frühzeitig kapituliert hatte.

Sein Chef Hans-Michael Holczer vom Gerolsteiner-Rennstall, bei Olympia als Sportlicher Leiter unterwegs, sah es genauso.

"Gut, es ist keiner tot vom Rad gefallen, aber zwei Runden weniger hätten es auch getan. Die Länge war mit Sicherheit grenzwertig", kritisierte der Herrenberger die Organisatoren für die Streckenlänge von 245,19 km.

"Mörderisch und pervers"

Bert Grabsch, der wie "Schumi", Gerald Ciolek und Jens Voigt ebenfalls sein Rad frühzeitig in die Ecke gestellt hatte, fand die Bedingungen beim Ausscheidungsrennen "mörderisch und pervers".

BDR-Präsident Rudolf Scharping pflichtete ihm bei: "Ich kann nachvollziehen, dass die Sportler klagen. Die Wärme und die Luftfeuchtigkeit ziehen den Fahrern die Energie aus den Knochen."

Das härteste Rennen seit Jahren

Doch nicht nur die deutschen Pedaleure - einzig Fabian Wegmann kam als 21. ins Ziel - hatten mit den tropischen Temperaturen, der Luftfeuchtigkeit von über 80 Prozent und der Kletterpartie in den Bergen zu kämpfen.

Auch der spanische Ex-Toursieger Alberto Contador ("Hatte keine Kraft mehr in den Beinen") und sein Landsmann, der dreimalige Weltmeister Oscar Freire ("Das härteste Rennen seit Jahren"), gehörten zu den 53 der 143 gestarteten Akteure, die aufgeben mussten.

Goldene Ära für Spanien

Hitze hin oder her - laut Voigt waren die Bedingungen "für die drei da vorne nicht grenzwertig".

Die drei da vorne, damit waren der spanische Sieger Samuel Sanchez, Geburtstagskind Davide Rebellin (Italien) und der Schweizer Zeitfahr-Weltmeister Fabian Cancellara auf den Plätzen zwei und drei gemeint.

Sanchez fügte mit seinem Triumph dem spanischen Sommermärchen nach dem EM-Titel der Fußballer, dem Wimbledonsieg von Rafael Nadal und dem Toursieg von Carlos Sastre ein weiteres Kapitel hinzu.

"Spanien erlebt derzeit eine goldene Ära. Ich hoffe, dass ich das Feuer im Team für weitere Goldmedaillen entfacht habe", sagte Sanchez.

Schumacher mit Kopfschmerzen

Davon konnte im deutschen Team keineswegs die Rede sein. Schumacher begründete sein frühes Aus in der vierten Runde mit Kopfschmerzen.

Seit der Ankunft vor über einer Woche sei er mit der Hitze in Peking nicht zurechtgekommen.

Keine gute Aussichten für das Zeitfahren am Mittwoch, wo der Nürtinger - bei der Tour fuhr er im Kampf gegen die Uhr alles in Grund und Boden - ebenfalls als Topfavorit gehandelt wird.

"Wenn ich wüsste, dass ich wieder so rumeiere, dann würde ich nicht starten. Aber es geht ja nur über eine und nicht sieben Stunden. Die Hoffnung stirbt zuletzt."

Holczer lobt seinen Kapitän

So könnte das Warten auf eine Medaille bei den Männern auf der Straße weiter anhalten. Seit dem kompletten Medaillensatz durch Jan Ullrich und Andreas Klöden in Sydney 2000 sprang kein Edelmetall mehr heraus.

"Am Mittwoch gibt es die nächste Hitzeschlacht", prophezeit Holczer für das Zeitfahren.

Der Gerolsteiner-Teamchef, der weiter vergeblich auf Sponsorensuche ist, durfte sich aber wenigstens über Silber seines Team-Kapitäns Rebellin freuen:

"Mit seiner Klasse ist er für mich der Grandseigneur des Radsports. Ich hätte ihm die Goldmedaille gegönnt. Er ist einer der Größten, die wir seit langem haben."

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