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450 Tänzer und vor allem Tänzerinnen sollen die Zuschauer in den Pausen unterhalten © imago

Ist in den Hallen und Stadien gerade Pause, unterhalten die Cheerleader das Publikum. Ein Blick hinter die Kulissen:

Von Marcel Grzanna

Peking - Es hat eine Weile gedauert, bis Wang Hui ausgelassen ihren Körper in Szene setzen konnte. Zugeschaut hatte die 21-Jährige den Cheerleadern aus dem Westen bereits ausgiebig.

Aber selber bauchfrei sexy die Hüften zu schwingen und dabei verführerisch zu lächeln vor einem Haufen fremder Leute war ihr anfangs überhaupt nicht geheuer.

"China ist ein konservatives Land. Ich musste mich wirklich erst daran gewöhnen, meinen Körper öffentlich so zu bewegen", sagt die Studentin.

Aber es war Wang Huis einzige Chance, bei den Olympischen Spielen dabei zu sein.

Sie hat ihr Ziel erreicht. Sie und ihre Mitstreiter zählen zu den 30 Cheerleader-Teams der Olympischen Spiele.

Wang Hui sorgt in diesen Tagen in der Handball-Halle für Stimmung, wenn die Spieler in der Halbzeitpause sind, oder die Trainer eine Auszeit nehmen.

Strenge Auswahlkriterien

Was spielerisch aussieht, hat den jungen Frauen und Männern einiges abverlangt in den vergangenen Monaten. Es gab Zigtausende Bewerber für die Tanzteams, aber nur 450 wurden vom Organisationskomitee BOCOG ausgewählt.

Die Jury bestand aus absoluten Fachleuten. An der Spitze der Direktor des chinesischen Akrobatik-Zirkus, Sun Fuhe. Der Mann geht stramm auf die 50 zu, aber lässt sich bei den letzten Proben vor dem Ernstfall mitreißen vom Schwung der Tanzgruppen. "Da fühle ich mich selber jung, wenn ich das sehe. Da muss ich einfach aufstehen und mitmachen", sagt er.

Die jungen Männer und Frauen im Alter zwischen 18 und 26 Jahre haben sehr viel trainiert bis zu diesem Tag, an dem Sun sein abschließendes Urteil fällt. Er ist zufrieden.

Westlicher Sexappeal in Peking

Der Spagat zwischen traditionell chinesischen Elementen und Sexappeal aus der westlichen Kultur funktioniert.

"Entscheidend war, dass die Tänzer lernen, während des Auftritts das Publikum mit einzubeziehen", sagt Sun. Es wurden eigens professionelle Cheerleader aus den USA eingeflogen, die den Chinesinnen das Spiel mit dem Publikum vermitteln sollten.

Die Damen tanzen sonst bei den Spielen der New England Patriots in der nordamerikanischen Football-Pofiliga NFL und zeigten sich später überrascht von der Leidenschaft der Chinesinnen. "Es war beeindruckend, mit welcher Begeisterung sie lernen wollten", sagte eine der Damen im chinesischen Staatsfernsehen CCTV.

"Es sieht fürchterlich aus"

Es sind nur noch Kleinigkeiten, die Direktor Sun aufstoßen. Die zahlreichen Blutergüsse auf dem Rücken von Wang Hui beispielsweise, die an diesem Vormittag so rot leuchten wie das Licht einer Verkehrsampel.

Zwei Tage zuvor hatte sich die 21-Jährige im Stile der traditionellen chinesischen Medizin mit Saugnäpfen behandeln lassen. Das wirkt zwar anregend auf den Organismus, hinterlässt aber ebenjene roten, runden Flecken, die Sun jetzt ein Dorn im Auge sind.

"Bitte verzichtet ab sofort auf eine solche Behandlung. Es ist sieht fürchterlich aus", spricht er ins Mikrofon.

Alles muss sitzen

Alle im Saal wissen, an wen die Nachricht gerichtet ist.

Bei der einen oder anderen jungen Dame sitzt der Stoff nicht eng genug an der Haut. Die Kostüm-Designer legen gleich vor Ort Hand an und vermessen Höschen und Oberteile neu.

40 Choreografien statt Ferien

Die Besten der Tänzer haben während der letzten vier Wochen vor dem Beginn der Olympischen Spiele sechs bis sieben Stunden am Tag trainiert.

Sie sind dazu auserwählt mit einer Gruppe spanischer Cheerleader aufzutreten.

Binnen fünf Tagen mussten sie 40 Choreografien lernen und anschließend wochenlang an der möglichst perfekten Aufführung feilen. Die Semesterferien hatten bereits begonnen, weswegen sie die Zeit entbehren konnten.

Bezahlung erhalten sie allerdings nicht.

Solarium für die Anpassung

Um sich rein äußerlich nicht mehr als nötig von den spanischen Frauen zu unterscheiden, erwarteten die Verantwortlichen von den Mädchen, dass die sich auf die Sonnenbank zum Bräunen legten.

Das wiederum widerspricht massiv dem chinesischen Schönheitsideal. Zhou Yaning zählt zu dem Kreis der auserwählten Toptänzerinnen. "Wir haben es gemacht, obwohl wir bleiche Haut an uns selbst viel attraktiver finden als braune", sagt sie.

Im Gegensatz zu Wang Hui tanzt sie allerdings auch beim Beachvolleyball unter freiem Himmel. Da bleibt die Bräune so oder so nicht aus, und gleichzeitig beugt man so einem Sonnenbrand vor. Denn verbrannte Haut wäre ebenso wenig ästhetisch wie die roten Flecken auf dem Rücken von Wang Hui.

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