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Fabian Hambüchen ist seit 2007 Weltmeister am Reck © getty

Fabian Hambüchen hat erneut eine Medaille verpasst. Der Weltmeister patzt im Mehrkampf-Finale. Wie schlimm ist eine Verletzung?

Peking - Mit feuchten Augen und ohne die ersehnte Medaille um den Hals verließ Fabian Hambüchen trotz Gewitterregens am Ende fast fluchtartig das National Indoor Stadium.

Weg, nur weg wollte der Reck-Weltmeister, nachdem er ausgerechnet am "Königsgerät" das greifbar nahe Edelmetall durch einen Sturz beim sogenannten "Kolman" im wahrsten Sinne des Wortes aus den Händen gegeben hatte.

"Bumms, klatsch - da lag ich! Natürlich bin ich sehr enttäuscht. Das war schon wieder ein Fehler zuviel", brach es aus dem 20-Jährigen heraus, und seine Stimme zitterte dabei ein wenig.

Trost von der Freundin

Während Deutschlands "Sportler des Jahres" schon bald via Internet-Telefon Trost von Freundin Viktoria erfuhr, gingen die Diskussionen um die Gründe für den erneuten Sturz vom Reck nach dem ersten Lapsus im Mannschafts-Finale erst so richtig los.

"Natürlich tut mein Finger noch weh, aber daran lag es nicht", behauptete der Reck-Europameister, doch diese Version kaufte Chefcoach Andreas Hirsch seinem Vorzeigeturner nicht ab: "Fabian war schon behindert mit dieser Sache. Man konnte sehen, dass er Probleme hatte. Aber hier ist Olympia, da versucht man schließlich alles."

Verletzung am kleinen Finger

Nur tröpfchenweise sickerte durch, dass es sich bei Hambüchens Blessur am kleinen Finger der linken Hand nicht nur um eine Stauchung, sondern um eine unangenehme Kapselverletzung handelt. Bis kurz vor der Mehrkampf-Entscheidung wurde der Hesse mit Tabletten und einer schmerzstillenden Spritze behandelt.

Rein körperlich mag die Verletzung den deutschen Meister nicht behindert haben, doch psychisch schien Hambüchen nicht völlig frei zu sein. Er turnte - durchaus nachvollziehbar - mit leicht angezogener Handbremse, kleine Fehler summierten sich zu ungewohnten Punktabzügen.

Olympiasieger Yang Wei war erwartungsgemäß eine Nummer zu groß für den Hessen von der TSG Niedergirmes, aber in optimaler Verfassung hätte sich Hambüchen sogar seinen Patzer am Reck leisten können und wäre trotzdem Zweiter geworden.

So aber gingen Silber und Bronze hinter dem Chinesen (94,575) an die beiden Außenseiter Kohei Uchimura aus Japan (91,975) und Benoit Caranobe aus Frankreich (91,925).

Schwierige Ursachenforschung

Die Ursachenforschung fiel Vater und Trainer Wolfgang Hambüchen nicht leicht. "Es war einfach nicht sein Tag, die hundertprozentige Präzision hat gefehlt. Gerade am Reck war die Abstimmung irgendwie nicht da", sagte Hambüchen senior.

Von Auswirkungen auf die noch anstehenden Wettbewerbe seines Sohnes in Peking wollte er nichts wissen: "Fabi wird sich selbst schnell wieder aufbauen, nach einer halben Stunde ist das gegessen."

Neue Situation

Wenn er sich da mal nicht täuscht, denn beim bislang wichtigsten Wettkampf seines Lebens ist Hambüchen in eine für ihn fast völlig neue Situation geraten. Noch nie in seiner Laufbahn musste er derart angeschlagen volle Leistung bringen.

Keine gute Ausgangsposition für ein erfolgreiches Abschneiden im sonntäglichen Finale am Boden (12.00 Uhr MESZ) sowie in den Entscheidungen am 19. August am Barren und am Reck.

Vielleicht wird Hambüchen einen ähnlich langen Atem brauchen, um Olympiasieger zu werden, wie Goldmedaillengewinner Yang Wei. Der 28-Jährige scheiterte in Sydney und Athen, kann aber nun als gemachter Mann seine Laufbahn beenden.

Seine Heimatstadt Xiantao wird ihm ein Haus schenken, und auch privat läuft alles bestens: Nach den Spielen heiratet er die frühere Weltklasseturnerin Yang Yun, die mittlerweile als Co-Kommentatorin beim chinesischen Staatsfernsehen arbeitet.

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