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Ludger Beerbaum (l.) verzichtet auf einen Start bei den Olympischen Spielen in London © getty

Der Olympiasieger verpasst "Totilas"-Reiter Rath eine Ohrfeige. Nur unter Ausnahmekönnern kehren die alten Erfolge zurück.

Aachen - Für Matthias Rath kommt es in diesen Tagen knüppeldick.

Das Pfeiffersche Drüsenfieber fesselt die deutsche Dressurhoffnung ans Krankenbett, der Olympiastart steht in den Sternen, und nun spricht ihm Ludger Beerbaum auch noch die reiterliche Klasse ab.

"Wenn 'Totilas' von den ganz großen Experten mit dem größten Talent und der größten Abgeklärtheit geritten wird, vielleicht", sagte der viermalige Springreit-Olympiasieger im Gespräch mit dem "Berliner Tagesspiegel" auf die Frage, ob der Zehn-Millionen-Hengst noch einmal an seine alten Erfolge anknüpfen kann:

"Isabell Werth oder Anky van Grunsven, die würden das vielleicht schaffen. Aber nur die."

Symbiose erklärt Wunder

Eine schallende Ohrfeige für Rath, der sich seit Beginn seiner sportlichen Partnerschaft mit "Totilas" immer wieder mit Vorwürfen dieser Art konfrontiert sieht.

Den edlen Rappen hält Beerbaum übrigens ganz und gar nicht für ein Wunderpferd: "Er ist ein ganz normales Pferd. Das Wunder war in Holland. Unter Edward Gal ('Totilas' vorheriger Reiter und Ausbilder, d. Red.) war das eine perfekte Symbiose aus Pferd und Reiter. Jetzt ist nur ein Teil des vermeintlichen Wunders in Deutschland."

Das Pferd, versteht sich, nicht der Reiter.

Erst Leistung dann T-Shirts

Was er von dem Hype um "Totilas" hält, gibt Beerbaum überdeutlich zu verstehen: "Da sollte erst einmal sportliche Leistung kommen, danach kann man über Favoritenrollen sprechen. Aber die sportliche Leistung sehe ich im Moment nicht."

Er selbst hätte ein Pferd dieses Kalibers "vielleicht auch gekauft, oder eher kaufen lassen, weil ich das Geld nicht habe. Aber dann hätte ich den Ball flach gehalten und nicht mit PR-Nummern aufgewartet. Ich hätte gewartet, bis ich meine Piaffen und Passagen hinbekomme, dann hätte ich über das Drucken von 'Totilas'-Shirts nachgedacht."

Entscheidung in Aachen

Beerbaum hin, Pfeiffersches Drüsenfieber her - am Freitag steht das Duo "Totilas"/Rath wieder mal im Rampenlicht. Mehrere Wochen haben die beiden wegen Raths gesundheitlicher Probleme nicht zusammen trainiert, daher fällt im Rahmen des CHIO in Aachen die abschließende Entscheidung über den Olympiastart.

Dressur-Bundestrainer Jonny Hilberath wird zusammen mit Mannschaftstierärztin Dr. Cordula Gather und dem Dressurausschuss-Vorsitzenden Klaus Röser eigens in den Taunus reisen, um über Kondition und Trainingszustand von "Totilas" zu befinden.

Bundestrainer hofft auf Olympia-Einsatz

Aber auch die gesundheitliche Verfassung von Rath muss überprüft werden - und stimmen. "Wir wollen Matthias reiten sehen", sagt Hilberath.

Schließlich soll bereits am 8. Juli, dem Schlusstag des CHIO, die endgültige Olympia-Nominierung durch den Ausschuss Dressur des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei (DOKR) über die Bühne gehen.

Die Hoffnungen auf den Start des Traumduos hängen am seidenen Faden. "Wenn sie für London ausfallen sollten - daran will ich eigentlich gar nicht denken", sagt Hilberath.

Ausnahme angedacht

Eigentlich war eine Teilnahme in Aachen für alle Kandidaten Pflicht, das weltweit größte Pferdesportfest ist schließlich die letzte Sichtung vor Olympia.

Doch bei "Totilas" und Rath könnte der Verband eine Ausnahme machen. "Die anderen Paare befinden sich in einer sehr guten Verfassung, aber wir wissen, wie wichtig 'Totilas' und Matthias für das Team sind", sagte der Bundestrainer.

Nur Platz zwei bei DM

Zwar hat das teuerste Dressurpferd der Welt unter Rath in den letzten zwei Jahren einiges von seinem Zauber verloren, gehört aber immer noch zu den deutschen Spitzenpferden.

Bei den Deutschen Meisterschaften in Balve Anfang Juni wurde das Paar zweimal Zweiter hinter Helen Langehanenberg mit "Damon Hill".

Siegesserie seit 1972

Gemeinsam mit Kristina Sprehe und "Desperados" sollen Rath und Langehanenberg in London in der deutschen Goldspur bleiben.

Seit Silber 1972 in München hat Deutschland bei Olympia mit Ausnahme der Boykott-Spiele 1980 stets Mannschaftsgold in der Dressur gewonnen und damit eine der längsten Siegesserien im internationalen Sport aufgestellt.

"Unser Bestreben ist es, die bestmögliche Equipe nach London zu schicken. Wir halten uns aber alle Möglichkeiten offen", sagt Hilberath.

Es ist kein Geheimnis, dass eine weitere Goldmedaille nur mit drei Paaren zu holen ist, die allesamt konstant mehr als 80 Prozentpunkte holen können. Wunderpferd hin oder her - "Totilas" und Rath würden die deutschen Siegchancen sicherlich erhöhen.

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