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Mark Cavendish wurde 2008 Weltmeister im Madison mit Bradley Wiggins © getty

Mark Cavendish soll den Gold-Reigen der Gastgeber eröffnen. Als Gegner fürchtet der Super-Sprinter nur den britischen Aspalt.

Von Andreas Kloo

München - Zum 13. Geburtstag bekam der kleine Mark nach langem Betteln endlich das heiß ersehnte Mountainbike von seiner Mutter geschenkt.

Er konnte es nicht erwarten, das Rad auszuprobieren. Er wollte sofort ein Rennen damit bestreiten.

"Tags darauf bin ich sofort damit gefahren und gegen meine Kumpels angetreten. Ich habe sie alle geschlagen", erzählt der heute 27-Jährige rückblickend nicht ohne Stolz.

Die Rede ist von Star-Sprinter Mark Cavendish.

23 Tour-Siege auf dem Konto

Auch im Erwachsenen-Alter ist der Mann von der Isle of Man ein echtes "Rennpferd": nur den Sieg im Kopf, ausgestattet mit einem Riesenpaket Selbstbewusstsein.

2008 sagte der Top-Sprinter im Brustton der Überzeugung über sich selbst: "Wenn ich 200 Meter vor dem Ziel an der Spitze bin, schlägt mich keiner."

Den selbstbewussten Worten hat "Cav" schnell Taten folgen lassen, 23 Etappen bei der Tour de France gewonnen und 2011 in Kopenhagen den WM-Titel erobert. Olympisches Gold würde seine Laufbahn krönen.

Cavendish als Plan A, B und C

Das Rennen ist perfekt auf ihn zugeschnitten, der Kurs ist flach. Vieles spricht dafür, dass Cavendish dem Olympia-Gastgeber am Samstag das erste britische Gold bescheren wird (SERVICE: Der Olympia-Zeitplan).

Nicht einmal seine Teamkollegen denken daran, dass irgendjemand Cavendish schlagen könnte.

"Mark ist unser Plan A, Plan B, Plan C?", verneinte der Schotte David Millar kürzlich die Existenz einer Alternativstrategie.

Tour-Champion als Tempobolzer

Die Voraussetzungen im britischen Team für einen Gold-Triumph könnten ohnehin besser nicht sein.

Die Top-Zeitfahrer Bradley Wiggins, Christopher Froome und Millar werden die ganze Zeit über das Tempo hochhalten und so versuchen, Ausreißversuche im Keim zu ersticken.

Am Ende wird Wiggins dann für Cavendish den Sprint anziehen, so wie er es auch bei der Tour zweimal erfolgreich getan hat.

Sky-Team auf Wolke sieben

Vier der fünf britischen Starter stammen aus dem Team Sky, das bei der Tour de France gerade in überlegener Manier dominierte.

Neben Cavendish treten Wiggins, erster englischer Tour-Sieger der Geschichte, der Tour-Zweite Froome und Ian Stannard an.

Nur Garmin-Fahrer Millar kommt nicht aus dem Sky-Team. Aber auch er tankte bei der Frankreich-Rundfahrt mit dem Sieg auf der 12. Etappe Selbstvertrauen.

"Wir schweben momentan alle auf Wolke sieben", gewährt Cavendish einen Einblick ins Gefühlsleben des Teams.

Brailsford vor Ziel seiner Träume

Olympisches Gold würde auch Teamgründer und ?manager David Brailsford jubeln lassen. 2009 rief er das Team Sky ins Leben, 2010 bestritt die Mannschaft die ersten Profirennen.

Von Anfang an hatte Brailsford nur zwei große Träume im Blick: innerhalb von fünf Jahren den ersten englischen Sieger bei der Tour de France zu stellen und Gold in London 2012.

Traum eins hat Wiggins bereits wahrgemacht, Traum zwei soll am Samstag in Erfüllung gehen.

Respekt vor britischem Asphalt

Der einzige, der etwas auf die Euphoriebremse tritt, ist überraschenderweise Lautsprecher Cavendish selbst: "Es ist immer noch ein Sport und der ist aus seiner Natur heraus unvorhersehbar."

Trotz des flachen Kurses sei das Rennen sehr schwer. "Großbritannien verwendet eine andere Art von Asphalt als auf dem Kontinent. Er ist schwer und kompakt und entzieht den Beinen der Fahrer Kraft", erklärt "Cav".

Cavendish hat gerade die dreiwöchige Tortur der Tour de France hinter sich und dabei unter anderem den berühmt berüchtigten Col du Tourmalet bezwungen. Doch er versteift sich zu der Aussage: "Es wird eines der schwierigsten Rennen unseres Lebens."

Vorurteil Arroganz

Mit seinen vollmundigen Aussagen hat er sich in der Vergangenheit schon eine Menge Ärger eingehandelt. Seine selbstbewusste Art wurde ihm schnell als Arroganz ausgelegt.

"Wenn ich gefragt werde, ob ich der beste Sprinter der Welt bin, sage ich eben ja", versuchte er sich zu verteidigen - und klang erst recht arrogant.

Plappermaul schafft sich Feinde

Zu oft hat er seine Meinung gesagt, ohne vorher nachzudenken und einfach mal drauflos geplappert. Er legte sich mit Teamführung, Fahrerkollegen und den Medien ein.

Mit Andre Greipel - seinem wohl schärfsten Konkurrenten im Kampf um Gold - lieferte er sich in seiner Zeit beim Team HTC-Columbia eine Dauerfehde.

Im Radzirkus wurde er immer unbeliebter, aber das schien ihn nur stärker zu machen und in England immer populärer.

Die reservierten und höflichen Briten lieben Typen, die ein bisschen anders sind, und kein Blatt vor den Mund nehmen.

Im Jahr 2011 gewann er als erst dritter Radsportler der Geschichte die Wahl zu Großbritanniens Sportler des Jahres - mit 49 Prozent der Stimmen.

Auch Gentleman und Teamplayer

Dabei kann Cavendish offenbar auch ganz anders sein. Millar brach zuletzt eine Lanze für den Sprinter.

"Cav ist Cav - er ist ein Gentleman. Trotz seiner chaotischen Persönlichkeit ist er ein anständiger Kerl", rühmte der 35-Jährige seinen jüngeren Kollegen.

Millar bedankte sich mit dieser Lobeshymne dafür, dass Cavendish sich für seine Olympia-Nominierung in der Öffentlichkeit stark gemacht hatte.

Und bei der Tour de France erlebte man den Alleinunterhalter Cavendish auch als Teamplayer. Auf der 15. Etappe brachte er höchstpersönlich seinen Teamkollegen die Wasserflaschen.

Letztlich geriert sich Cavendish aber nicht ohne Hintergedanken plötzlich als Teamplayer. Er weiß: Die Kameraden werden es ihm am Samstag zurückzahlen und für ihn in die Pedale treten.

Mark Cavendish

Geboren: 21.5.1985 in Douglas/Isle of ManDisziplin: Radsport

Erfolge: Straßen-Weltmeister 2011, Bahn-Weltmeister 2005 und 2008 (Madison), 23 Tour-Etappensiege, Grünes Trikot Tour de France 2011

Starts: Straßenrennen (Samstag 28.7.)

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