"Wer nicht von einer Medaille träumt, ist hier falsch"
Aus London berichtet Michael Spandern
London - Als einziges deutsches Team, das nicht Hockey spielt, haben es die Volleyballer zu den Olympischen Spielen geschafft.
Und in einem Sommer, in dem sie nicht nur beim Sieg im Quali-Turnier von Berlin, sondern auch durch das erstmalige Erreichen des Weltliga-Finales für Furore sorgten, soll Dabeisein längst nicht alles sein, wie Kapitän Björn Andrae im SPORT1-Interview erläutert.
Anders als vor vier Jahren, als der damalige Bundestrainer Stelian Moculescu nicht mit im Dorf lebte und auch interne Differenzen den Viertelfinal-Einzug verbauten, treten die DVV-Mannen in London geschlossen und entschlossen auf (VORBERICHT: Der Favoritencheck).
Vor dem Turnier-Auftakt spricht Andrae, dreimaliger Volleyballer des Jahres in Deutschland und seit 2010 Russland-Legionär, über die neue Stärke, den neuen Fokus und den neuen Bundestrainer ( SERVICE: Der Olympia-Zeitplan).
SPORT1: Herr Andrae, Sie sind seit über einer Woche in London, welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Björn Andrae: Schon die Reise war interessant: wir haben die längste Zeit vom Flughafen zum Dorf im Bus gebraucht. Viele, die erstmals dabei sind, sammeln noch Eindrücke und wollen so viel wie möglich aufsaugen. Wir haben es aber geschafft, den Fokus zu behalten.
SPORT1: Anders als in Peking?
Andrae: Wir sind um einiges gereift, und gehen das Ganze professioneller und konzentrierter an. In Peking waren wir eingeschüchtert von dem ganzen Trubel, der für alle neu war. Da war alles noch pompöser; hier in London kommt es mir ein wenig kleiner vor, aber sehr, sehr freundlich.
SPORT1: Wie bereiten Sie sich gedanklich auf ein Turnier vor, bei dem der Trubel ja um ein Vielfaches größer ist als bei einer EM oder WM?
Andrae: Ich versuche immer, alles so gewöhnlich zu halten wie bei einer WM - es geht aber nicht. Es dennoch zu probieren, macht es vielleicht noch schlimmer als einfach zu sagen, okay, es ist anders. Wir haben lange vorher alle Eventualitäten ausdiskutiert und geschaut, wo wir aufpassen müssen. Irgendwas geht aber immer daneben. Wir rechnen mit allem.
SPORT1: Was genau läuft schief?
Andrae: Bei unserem Training am Donnerstag zum Beispiel sollten wir uns nach dem Aufwärmen noch 45 Minuten gedulden, bevor wir aufs Feld gedurft hätten. Das geht halt nicht - und dagegen haben wir uns auch als Team erfolgreich gewehrt.
SPORT1: Welche Rituale benutzen Sie vor einem Spiel, um Normalität einkehren zu lassen?
Andrae: Wir haben als Team in der Kabine unsere Rituale, hören uns eine Playlist an, in der fast jeder sein Lied hat. Ich selber bin aber kein Fan von Ritualen. Denn wenn es dann mal nicht klappt, wäre ich wahrscheinlich total durch den Wind. Ich nutze den Tag, um mich zu beruhigen.
SPORT1: Und wie beruhigt Bundestrainer Vital Heynen seine Männer?
Andrae: Das ist gar nicht seine Aufgabe. Er ist selber sehr emotional und feuert, wenn es drauf ankommt, eher noch an.
SPORT1: Wie schwer schätzen Sie Ihre Gruppe B ein?
Andrae: Die Gruppe ist superstark. Mit Russland, Brasilien und den USA haben wir die drei momentan vielleicht stärksten Teams der Welt dabei. Da müssen wir über uns hinauswachsen, um die ganz großen Dinge zu erreichen. Aber unser Ziel ist erst mal, zu bestätigen, was wir in diesem Sommer gezeigt haben.
SPORT1: Und was für ein Platz würde dabei herausspringen?
Andrae: Das erste Ziel muss sein, diese Gruppe zu überstehen.
SPORT1: Dann dürften Sie auf einen leichteren Gegner im Viertelfinale hoffen…
Andrae: Nicht unbedingt, nur die Gruppenersten spielen überkreuz gegen den Vierten der anderen Gruppe, die anderen Partien werden ausgelost. Dadurch könnten wir erneut auf einen Gegner aus unserer Gruppe treffen.
SPORT1: Träumen Sie trotzdem von einer Medaille?
Andrae: Wenn man zu den Olympischen Spielen fährt und nicht davon träumt, hat man etwas falsch gemacht. Wie realistisch dieser Traum ist, steht auf einem anderen Blatt.
SPORT1: Der Bundestrainer behauptet, sein Team könne jeden schlagen.
Andrae: An einem guten Tag: ja. Wir brauchen uns vor keinem zu verstecken. Wir haben die internationale Erfahrung gesammelt, die es braucht. Wir haben alle Großen schon geschlagen, und keiner freut sich darauf, gegen uns zu spielen.
SPORT1: Was zeichnet Ihr Team noch aus?
Andrae: Die Ausgeglichenheit. Jeder kann jeden ersetzen, jeder springt für den anderen ins Feuer. Unsere Startformation hat in diesem Sommer oft gewechselt, und das könnte bei so einem langen Turnier unser Vorteil sein. Wir sind alle hungrig und spielen nicht mehr ganz so viel Harakiri.
SPORT1: Ein Faktor könnte auch der neue Bundestrainer zu sein. Was macht Vital Heynen anders als Raul Lozano?
Andrae: Er macht vieles anders, er macht Dinge, die ich noch bei keinem Trainer erlebt habe. Er ist ein sehr offener Trainer mit verrückten Ideen, bei dem du natürlich noch genauer hinhörst.
SPORT1: Und wie genau schaut er hin, dass sein Dutzend in London nicht über die Strenge schlägt?
Andrae: Wir sind erwachsen genug, hier im Dorf keinen Quatsch zu machen. Wir haben ein Regelbuch und legen viel Wert auf Pünktlichkeit. Gegen Mitternacht sollten alle auf ihren Zimmern sein und probieren zu schlafen. Wir geben auf uns Acht.
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