vergrößernverkleinern
Ye Shiwen holte in 4:28,43 Minuten Gold über 400 Meter Lagen - Weltrekord © getty

Die Athleten aus dem Reich der Mitte funktionieren wie Roboter, die USA hecheln hinterher. Die "Schulen der Schmerzen" werden kritisiert.

London - Nachdem sie wie von einem Propeller angetrieben zu Gold geschwommen war, sagte Ye Shiwen einen bemerkenswerten Satz: "Nein, wir sind keine Roboter."

Die Überflieger aus China müssen sich schon wieder für ihre erdrückende olympische Dominanz rechtfertigen (SERVICE: Der Medaillenspiegel).

Bei den Heimspielen in Peking waren sie erstmals an die Spitze gestürmt und hatten Neider, Zweifler und Kritiker auf den Plan gerufen.

In London scheint die Medaillen-Maschine aus dem Reich der Mitte die Wachablösung im Weltsport zu vollenden.

Angriff in den Kerndisziplinen

Nach den ersten beiden Wettkampftagen hechelte der große Rivale USA (3 Goldmedaillen) den Chinesen (6) schon wieder hinterher.

Und während sie 2008 noch 38 von 51 Goldmedaillen im Tischtennis, Badminton, Schießen, Turnen, Gewichtheben und Wasserspringen abgeräumt hatten, erfolgte in London schon der Angriff in den olympischen Kerndisziplinen.

Sun Yang holte über 400 m Freistil den ersten Olympiasieg eines chinesischen Schwimmers, die erst 16 Jahre alte Ye ließ Gold über 400 m Lagen folgen (592847DIASHOW: Die Bilder des Tages).

Eine US-Bastion scheint unerreichbar

Nur eine US-Bastion scheint selbst für die chinesischen Perfektionisten unerreichbar (SERVICE: Der Olympia-Zeitplan).

Den Olympia-Rekord von 83 Goldmedaillen, aufgestellt durch die USA bei den Boykottspielen von Los Angeles 1984 in Abwesenheit der Athleten aus der Sowjetunion und der DDR, werden sie in der britischen Hauptstadt mit ziemlicher Sicherheit vergeblich jagen.

Die Bestmarke für die Zeit nach der Boykottspiele 1980 und 1984, die mit 55 Goldmedaillen die UdSSR seit Seoul 1988 hält, ist aber in Reichweite.

[kaltura id="0_50qpjvwk" class="full_size" title="Fan Wahnsinn in London"]

Schier unerschöpfliche Reserven

Die Gründe liegen auf der Hand. Der vom Staat finanzierte Sport greift auf schier unerschöpfliche Reserven zurück.

Geld spielt keine Rolle. Und zumindest teilweise geht das System auch neue Wege.

Die Sportverbände holen sich erfahrene ausländische Trainer ins Land. Unter anderem wurden Spezialisten in den Sportarten Basketball, Schwimmen, Synchronschwimmen, Fechten, Leichtathletik, Taekwondo und Wasserball verpflichtet.

Es gibt Zweifel

Aber natürlich sind da Zweifel. Hochrangige chinesische Olympia-Mediziner, die über Staatsdoping während der 1980er und 90er Jahre berichten, verstärken das Misstrauen.

Olympiasiegerin Ye Shiwen weist alle Vorwürfe zurück.

"Es gibt kein Problem mit Doping", sagt die 16-Jährige, die bei ihrem Weltrekord über 400 m Lagen am Samstag auf den letzten 50 m sogar schneller als US-Star Ryan Lochte schwamm: "Das chinesische Team hat eine strikte Politik, deshalb gibt es kein Problem damit." So einfach ist das.

Im Kindergarten rekrutiert

Ye ist ein Produkt der staatlichen Drillanstalten, im Kindergarten rekrutiert, weil sie außergewöhnlich große Hände hatte.

Die Sportinternate, auch "Schulen der Schmerzen" genannt, sind die Basis des chinesischen Erfolgs.

Knapp 400.000 Kinder und Jugendliche sollen unter militärischem Drill zu Spitzensportlern geformt werden. Zwölf-Stunden-Tage und ein Leben voller Entbehrungen sind der Preis.

Das hat ihnen den Namen "Tränenkinder" eingebracht. Dafür gab es schon vor vier Jahren scharfe Kritik - geändert hat sich nichts.

"Unsere Denkweise hat Grenzen"

"In China heißt es nur lernen, lernen und trainieren, trainieren und dann ausruhen", sagte Lu Ying nach dem Gewinn der Silbermedaille über 100 m Schmetterling in London und kritisierte überraschend deutlich das chinesische Trainingssystem: "Ich glaube, unsere Denkweise hat viele Grenzen."

2008 war Lu zum Training nach Australien gegangen und sammelte völlig neue Erfahrungen:

"Ich bin zum Grillen mit Teamkollegen eingeladen worden - sowas würde in China nie passieren."

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel