Die Könnten-Sie-bitte-nächstes-Mal-Flehenden
Gut, dass ich hier bin. Denn überall steht: We all make the Games, wir alle prägen die Spiele. Nicht auszudenken, wenn ich meinen Arbeitsplatz im Pressezentrum oder nachmittags an einer Wettkampfstätte einfach verließe...
Die Warteschlange würde um eine Person kürzer, und Außenstehende würden das olympische Journalisten-Dasein womöglich als weniger attraktiv erachten, wer weiß.
Aber bei genauerem Nachlesen ist festzustellen, dass die Kampagne eines Fast-Food-Giganten gar nicht den Medienschaffenden gilt.
Vielmehr ermutigt sie die rund 70.000 Volunteers (vormals als Freiwillige bekannt) und die Millionen Menschen in London, Olympia emotional mitzuerleben. Was wohl nötig scheint bei den oftmals höflich reservierten Briten.
Überall in der Stadt, vor allem an den U-Bahn-Stationen, sind Plakate mit Musterexemplaren von Fans oder Helfern zu sehen. Da gibt es die kleine Huckepack-Fahnenwedlerin, den noch kleineren Einen-besseren-Blick-Erhascher, die Nervös-durch-die-Hände-Lukerin, den Auf-den-Fingern-Pfeifer, die Auf-gehts-auf-gehts-auf-gehts-Ruferin und den Hin-und-Her-Winkenden.
Bei der Vielfalt an Anfeuerung ist es nur verständlich, dass auch die britischen Athleten noch nicht den Gold-Groove gefunden haben.
Nicht weniger bunt treiben es die Volunteers - so suggerieren es zumindest die Plakatwände. In der Realität ist der quitschvergnügte Ticket-Prüfer allerdings rar.
Schließlich kriegt er von den geschichtsträchtigen Wettkämpfen ebenso wenig mit wie der Hallo-kann-ich-helfen-Fragende. Dem wird immerhin keine schrille Ekstase zugeschrieben.
Zu der hätten andere Freiwillige mehr Grund, die Bizeps-Brenner, die den Leichtathletik-Stars die Hürden bringen, oder gar die Helden-Begegnenden.
Indes: der Weg zu den Helden oder auch den Dabei-sein-ist-alles-Athleten ist hart und durch die einem Labyrinth gleichenden Absperrungen oft auch sehr lang.
Um also an die Stars heranzukommen, ohne sich im Morgengrauen auf gut Glück am richtigen Fleck platziert zu haben, gilt es, Abkürzungen zu nehmen, Schneisen aufzureißen und durch Sicherheitslücken zu schlüpfen.
Auf diesem Wege habe ich eine bisher unbekannte Spezies der emsigen Volunteers kennengelernt. Es sind die Könnten-Sie-bitte-nächstes-Mal-Flehenden.
Wobei sie den Abtrünnigen - erstaunlich schnell anerkennend, dass diesmal nichts zu retten ist - auf die korrekte Route aufmerksam machen.
Schließlich könnte einer der einige Meilen schnellen Shuttlebusse anrollen oder dem aus der Masse ausbrechende Menschen der Gemeinsinn gänzlich abhanden kommen.
Keine Angst, ich verstehe diese Sorgen und gelobe Besserung. Schließlich könnte ansonsten ein Volunteer einen in der Kampagne wohlbekannten Fan-Typus annehmen. Den des schluchzenden Wracks.
SPORT1-Redakteur Michael Spandern ist in London vor Ort und berichtet als Reporter von den Olympischen Spielen.
Lawrence Okoye wird Footballspieler: Der britische Modellathlet erhält bei den San Francisco 49ers einen Dreijahresvertrag. Der Head Coach des Vizemeisters schwärmt. Sportler auf Abwegen. mehr...