Traumschiff, Salto Nullo und euphorisierte Briten
Von Matthias Becker und Michael Spandern
München/London - Eine Woche zwischen Jubel und Tränen, Highlights und Skandalen.
Die Olympischen Spiele in London haben schon in der ersten Hälfte die komplette Palette an Emotionen und Ereignissen bereit gehalten (DIASHOW: Die Bilder des Tages).
SPORT1 zieht eine Halbzeit-Bilanz der Spiele in der britischen Metropole:
• Das Highlight:
Michael Phelps hat auch in London wieder Geschichte geschrieben. Mit seinem Sieg über 200 Meter Lagen holte er als erster Schwimmer überhaupt bei drei aufeinanderfolgenden olympischen Spielen über die gleiche Strecke Gold - und legte dann noch im letzten Einzelrennen seiner Karriere über 100 m Schmetterling seinen 17. Olympiasieg drauf.
Auch den Rekord für die Gesamtzahl an Medaillen hat er übertroffen. Für die Wow-Momente im Londoner Schwimmbecken sorgte aber ein Franzose, Yannick Agnel.
Die 4x100-Meter-Staffel schwamm er mit einem sensationellen Schlussspurt gegen die USA zu Gold und schaffte damit die Revanche für die knappe Niederlage in Peking 2008. Noch beeindruckender war aber das Rennen über 200 Meter Freistil, als er der versammelten Weltelite eine Länge abnahm.
"Ich mache einfach nur das, was ich kann", kommentierte der schlaksige Franzose seine Leistung.
• Das deutsche Team
Nach schleppendem Start liegt das 392-köpfige deutsche Team inzwischen voll im Soll. Zwei medaillenlose Tage zum Auftakt sind längst vergessen, bereits 20 Medaillen stehen für den DOSB zu Buche (DIASHOW: Die deutschen Medaillengewinner).
Sinnbildlich für den deutschen Aufschwung stehen die Judoka, die zunächst überhaupt keinen Kampf gewannen und zum Abschluss ihrer Wettbewerbe vier Medaillen in Folge holten.
Für die emotionalen Höhepunkte sorgten Ruderer und Reiter. Das deutsche "Traumschiff", der Deutschland-Achter, fuhr zum ersten Gold seit 24 Jahren und beherrschte die Konkurrenz dabei ebenso wie der Doppelvierer.
Vielseitigkeitsreiter Michael Jung schaffte das Kunststück an seinem 30. Geburtstag zweimal Gold zu holen und damit gleichzeitig alle wichtigen Titel in seinem Besitz zu haben.
• Die Enttäuschung:
Die deutschen Schwimmer stehen vor einem historischen Debakel. Sollten Britta Steffen (über 50 Meter Freistil) oder der Lagenstaffel nicht doch noch ein Überraschungserfolg gelingen, steht für den DSV ein Salto Nullo und damit das schlechteste Olympia-Abschneiden seit 80 Jahren zu Buche.
Die ausbleibenden Medaillen sind dabei aber weniger erschreckend, als das Auftreten im und außerhalb des Beckens. Reihenweise bleiben die deutschen Schwimmer nicht nur hinter ihren Bestzeiten, sondern sogar hinter ihren Saisonbestleistungen zurück.
Trotzdem pumpen viele DSV-Athleten nach ihren Rennen wie Maikäfer, was TV-Expertin Franziska van Almsick an der Grundlagenausdauer zweifeln lässt.
Ex-Schwimmer Mark Warnecke kritisiert in seiner SPORT1- Kolumne die Gleichmacherei beim deutschen Team und die Wissenschafts-Hörigkeit. "Ich muss mich Fragen: Welche Wissenschaft ist das, die alle Leute immer langsamer macht?", fragt Warnecke.
• Überraschungen:
Die erst 16 Jahre alte Doppel-Olympiasiegerin Ye Shiwen verblüffte über 400 Meter Lagen damit, dass sie die letzten 50 Meter Freistil schneller schwamm als Männer-Sieger Ryan Lochte.
Kurz darauf kam wie aus dem Nichts die 15-jährige Litauerin Ruta Meilutyte und siegte überlegen über 100 Meter Brust. Binnen vier Monaten verbesserte Meilutyte sich um über zwei Sekunden.( SERVICE: Der Olympia-Zeitplan).
Diese Leistungen sorgen zurecht für kritische Fragen. Erklärungen - außer "hartes Training" - wurden aber nicht geliefert. Ye bedankte sich nur süffisant für "die Zweifel der westlichen Medien".
• Skandale:
Mit einem unverfrorenen Manipulationsversuch brachten acht asiatische Badmintonspielerinnen die olympische Familie gegen sich auf.
Um sich nach der Gruppenphase eine bessere Auslosung für die K.o.-Phase zu verschaffen, versuchten Paarungen aus China, Korea und Indonesien, absichtlich zu verlieren. Dabei agierten sie so plump und offensichtlich, dass dem Badminton-Weltverband gar nichts anderes übrig blieb, als alle acht Spielerinnen zu disqualifizieren.
Der Imageschaden für die Sportart ist trotzdem enorm.
Wie groß der Imageschaden noch sein wird, den der Skandal um die mittlerweile abgereiste Ruderin Nadja Drygalla ausgelöst hat, ist noch nicht abzusehen.
Drygalla wird vom Innenministerium Mecklenburg-Vorpommerns belastet. Sie soll Kontakte in die "offen agierende rechtsextremistische Szene" haben. Den Polizeidienst habe sie demnach bereits im Herbst 2011 quittiert.
Besonders brisant: Laut Innenministerium sollen der Landesruderverband und der Landessportbund damals über die Vorgänge "unmittelbar" informiert worden sein.
Michael Vesper, Chef de Mission der deutschen Olympiamannschaft und zugleich DOSB-Generaldirektor, betonte mehrfach, dass der DOSB erst seit letztem Donnerstag von den Vorfällen um Drygalla wisse.
• Die längste Sekunde:
Ganz andere Probleme gab es auf der Fecht-Planche. Im Degen-Halbfinale gelang es Britta Heidemann gegen die Koreanerin Shin A-Lam, in der letzten Sekunde der Verlängerung, den entscheidenden Treffer zu setzen.
Da die Zeitmessung aber nicht übersichtlich genug dargestellt wurde, waren in dieser letzten Sekunde zuvor schon zwei Aktionen gefochten wurden. Die verzweifelte Koreanerin protestierte mit einem Sitzstreik in der Halle.
Nach langwierigen Diskussionen der Offiziellen wurde Heidemann der Sieg zuerkannt. Die bemitleidenswerte Shin A-Lam soll nun einen Sonderpreis erhalten.
• Verkehr
Eile mit Weile! Der Engländer drängelt nicht, entschuldigt sich, wenn er doch mal ungewollt mit der Schulter aneckt, und ist Weltmeister im Schlangestehen.
Wer da mitmacht, fährt gut. Zwar sind die U-Bahnen zu Stoßzeiten proppenvoll und an den ausgewiesenen olympischen Hochlaststationen noch voller, doch die Intervalle sind kurz.
Und da das Gros der Wettkämpfe im Osten steigt, ist Westminster entgegen aller Unkenrufe noch immer nicht lahmgelegt.
Wer ins Auto steigt, sollte die vom Navigationsgerät errechnete Fahrtzeit mindestens verdoppeln. Aber das darf ja in einer Metropole keinen verwundern, ganz unabhängig von Olympia.
Die Heerscharen von Volunteers weisen stets den richtigen Weg - gestisch oder mit markiger Stimme.
Die Wege sind weiter als von vielen erhofft, besonders zum Rudern und zu den Radrennen. Auch durch die allgegenwärtigen Absperrungen ist manch zusätzliche Meile zu absolvieren. Das wiederum gewährleistet zugleich eine Entzerrung der Zuschauerströme.
Einziges echtes Ärgernis: Wenn die letzten Wettkämpfe erst nach Mitternacht enden, sollte auch um 2 Uhr noch auf alle Verbindungen Verlass sein, zu viele Menschen arbeiten ja an Olympia und haben nicht beim Abpfiff gleich Feierabend. Und vor allem: es mangelt an vielen Stationen an Taxen für die letzten Kilometer nach Haus.
• Sicherheit
Der Mangel an Taxen schlägt auch auf die gefühlte Sicherheit durch. Wenn auch kleingewachsene Männer darum bitten, nicht allein nach Hause gehen zu müssen, wächst das Unbehagen.
Ansonsten aber hat bis auf Zeitfahr-Olympiasieger Bradley Wiggins, dessen Trainingsoutfit im Hotel gestohlen wurde, als er es unbeaufsichtigt in der Umkleide des Wellnessbereichs liegen ließ, keiner etwas zu befürchten. 15.000 Soldaten und Polizisten wachen über die Sicherheit, im Jahrhundert des Terrors wohl leider zwangsläufig bei Olympia.
Alle Sicherheitskräfte arbeiten so freundlich wie gründlich: Ohne Körperscan und Durchleuchten der Taschen ist kein Hineinkommen in die Arenen.
• Stimmung
Reservierte Briten? Flucht vor den Spielen? Von wegen! So sie denn Tickets erhaschen, strömen die Engländer in die Arenen, am liebsten jedoch zu den Freiluft-Veranstaltungen.
Unbeschreiblich die Stimmung des zumeist auch noch fachkundigen, durchweg aber fairen Publikums. Tony Martin wurde im Kampf gegen Wiggins und Froome genauso beklatscht wie die spanischen Basketballer, als sie aufs Gastgeberteam trafen.
Nur warum bitte muss die Halle während der Auszeit den Oasis-Hit Wonderwall intonieren? Überhaupt ist die neue Mode, per Videowürfel oder mit Animateuren Stimmung zu machen, noch skurriler, wenn die Fans ohnehin voll mitgehen.
Wäre noch zu wünschen, dass von diesen Fans noch mehr Einlass fänden. Denn durch den Ticketskandal bleiben doch etliche Plätze frei, was in Wimbledon bereits zu wütenden Protesten führte.
Lawrence Okoye wird Footballspieler: Der britische Modellathlet erhält bei den San Francisco 49ers einen Dreijahresvertrag. Der Head Coach des Vizemeisters schwärmt. Sportler auf Abwegen. mehr...