"Offenes Geheimnis" Drygalla - Bach attackiert Politik
Von Katharina Blum
München/London - Am Freitagmorgen um 8.30 Uhr früh verließ sie mit einer Tasche das olympische Dorf in London und verschwand erstmal von der großen Bühne des Sports.
Doch aus der sportlichen Randnotiz "Ruderin Nadja Drygalla reist ab" war da schon längst ein sportpolitischer Skandal geworden.
Mit der Abreise ist der Fall Drygalla, die laut dem Innenministerium von Mecklenburg-Vorpommern Kontakte zur "offen agierenden rechtsextremistischen Szene" gehabt haben soll ( Bericht), noch längst nicht erledigt.
Aus den Augen aus dem Sinn funktioniert nicht - stattdessen fragen sich inzwischen viele, wer eigentlich wann was gesehen hat und wer wann wovor lieber die Augen verschlossen hat.
Sportlern Gesinnung bekannt
Bei den Athleten der deutschen Ruderer war die Gesinnung in Drygallas Umfeld offenbar bekannt, wie nun zu hören war: "Wir haben intern öfter darüber diskutiert, dass wir solche Haltungen nicht tolerieren. Bei ihr war es ein offenes Geheimnis", sagte Carina Bär aus dem deutschen Doppel-Vierer.
Mehrere Athleten bestätigten der Nachrichtenagentur "dapd" dies ebenfalls, wollten aber nicht zitiert werden.
Sauer: "Nie etwas angedeutet"
In der Talkrunde "London Live" des Fernsehsenders N24 hörte sich das am Freitag noch ganz anders an, als Ruder-Achter-Olympiasieger Martin Sauer zu Gast war:
"Man kennt die Sportlerin und sie hat nie irgendetwas fallen lassen oder angedeutet, dass sie in der Richtung etwas damit zu tun hat. Man darf nicht vergessen, dass es nicht um sie selber geht, sondern um jemanden aus ihrem Umfeld."
Und weiter: "Ich würde es auch nicht für richtig halten, wenn der Verband in jedem Privatleben erst mal rumkramt und daran dann festmacht, wen er in die Nationalmannschaft aufnimmt und wen nicht."
Bach "verwundert und erbost"
Zum Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und dem Deutschen Ruderverband (DRV) soll die Information des Innenministeriums erst am Donnerstag vorgedrungen sein.
DOSB-Generalsekretär Michael Vesper hatte am Freitag mehrfach betont: "All denen, die jetzt so große Worte wählen und alles längst wussten, stelle ich die Frage: Warum haben sie uns das nicht nach der Nominierung von Nadja Drygalla in die Olympiamannschaft gesagt", sagte der deutsche Chef de Mission.
DOSB-Präsident Thomas Bach legte am Samstag bei einer Pressekonferenz im Deutschen Haus nach: "Verwundert und erbost" sei er über Aussagen von deutschen Politikern, die die Darstellung der deutschen Mannschaftsleitung im Fall Drygalla in Zweifel gezogen haben.
"Ich halte das für ein inakzeptables Vorgehen, die Aussagen und das Vorgehen der Mannschaftsleitung in Zweifel zu ziehen. Warum haben sie uns das nicht gesagt, wenn sie davon gewusst oder als sie davon erfahren haben?"
"Mit Mannschaft nichts zu tun"
Dazu folgte ein Appell an die Medienvertreter: "Ich habe eine persönliche Bitte: Treffen Sie die Unterscheidung zwischen diesem Einzelfall und unserer Olympiamannschaft. Es hat keiner aus der Mannschaft verdient, in diese Sache hineingezogen zu werden. Das hat mit unserer Mannschaft, die sich klar zu unserem Motto 'Wir für Deutschland' bekennt, nichts zu tun. Ich bitte, dies zu respektieren."
Zudem kündigte Bach weitere Gespräche mit Drygalla an: "Es kann in einem eineinhalbstündigen Gespräch nicht abschließend geklärt werden, wie sie wirklich einzuschätzen ist in dieser Frage, ob sie sich klar zu den Prinzipien des DOSB und des Grundgesetzes bekennt. Das muss zu Hause geschehen."
Freitag fordert Aufklärung
Dagmar Freitag, die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, hatte die Darstellungen des DOSB und DRV am Freitag infrage gestellt. "Es besteht dringender Aufklärungsbedarf. Die Einlassung, dass sowohl der DOSB, als auch der DRV nichts von dem Fall gewusst haben wollen, ist für mich erklärungsbedürftig und kaum vorstellbar", sagte Freitag.
Der Landesruderverband und der Landessportbund von Mecklenburg-Vorpommern wissen angeblich seit Herbst 2011 von dem Fall Nadja Drygalla. Das erklärte Michael Teich, Sprecher des Innenministeriums.
Innenminister Lorenz Caffier sagte der "Bild", es habe schon damals Gespräche zwischen Drygalla, dem Landessportbund und ihrem Verein wegen der angeblichen Kontakte in die rechte Szene gegeben.
Andererseits: Mitte Juli verabschiedeten Caffier und Ministerpräsident Erwin Sellering die Olympiateilnehmer des Bundeslandes - auch Drygalla - mit folgenden Worten: "Sie alle sind jetzt Repräsentanten Mecklenburg-Vorpommerns und ich bin überzeugt, dass Sie unser Bundesland exzellent vertreten werden", erklärte Sellering.
Verein spricht von Sippenhaft
Der Heimatverein Drygallas hat der Athletin indes den Rücken und einen schweren Vorwurf gegen die deutsche Delegationsleitung in London erhoben:
"Ich finde es erbärmlich, dass ein junges Mädchen in Sippenhaft genommen wird", sagte Walter Arnold, Vorsitzender des Ruderklubs ORC Rostock, dem Nachrichtenmagazin "Focus".
Drygalla, fügte Arnold hinzu, sei bei ihrem Verein "nie durch rechtsradikales Gedankengut aufgefallen".
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