Federer - Murray: Gipfeltreffen auf dem Everest
London/München - Sehr oft hat Roger Federer vor einiger Zeit vernehmen müssen, dass er den Gipfel seiner Schaffenskraft wohl überschritten hat.
Weitaus lieber dürfte er lesen, was an diesem Samstag zu diesem Thema in den Zeitungen stand.
"Man denkt, dass Roger Federer seinen letzten Gipfel erreicht hat", dichtete da der Vor-Ort-Korrespondent der "L.A. Times": "Und dann schnallt er die Steigeisen an und macht sich auf Richtung Mount Everest."
Es dürfte sich tatsächlich irgendwann so ähnlich angefühlt haben, was Federer tags zuvor beim olympischen Tennisturnier vollbracht hat ( SERVICE: Der Medaillenspiegel).
366 Ballwechsel
Das sagenhafte 4:6, 7:6 (7:5), 19:17 gegen Juan Martin Del Potro, das mit 4:26 Stunden längste Dreisatz-Match der Tennis-Geschichte war aber eben noch nicht die Spitze des Everests ( BERICHT: Federer nach Drama-Sieg im Finale).
Vor der liegt noch ein Duell, das ähnlich emotional und spektakulär ablaufen dürfte wie der 366 Ballwechsel lange Marathon gegen den Argentinier: das Traumfinale gegen Lokalheld Andy Murray.
Die Neuauflage des Wimbledon-Endspiels am Sonntag (ab 15 Uhr LIVE-TICKER) hat das Potenzial, mindestens genauso groß zu werden wie das Finale der 126. "Championships".
Murray kein Außenseiter
Vor vier Wochen hatte Federers schottischer Gegner, der am Freitag vor 15.000 begeisterten britischen Tennisfans Novak Djokovic aus dem Turnier warf, die Gelegenheit verpasst, britische Sportgeschichte zu schreiben.
Er hatte zwar den Finalfluch im All England Club gebrochen und war als erster Brite seit Bunny Austin 1938 ins Finale des wichtigsten Tennisturniers der Welt eingezogen, verlor es allerdings in vier Sätzen gegen Federer.
Tränen liefen ihm, seiner Mutter Judy und seiner Freundin Kim während der emotionalen Siegerehrung über die Wangen, und eine ganze Nation weinte mit ihrem Helden.
Trotz der jüngsten Niederlage ist Murray, der von 16 Begegnungen mit Federer bislang acht gewonnen hat, diesmal nicht nur Außenseiter.
Vom Druck entlastet
Das Duell auf dem ramponierten Rasen startet unter anderen Vorzeichen, auch wenn es wieder über drei Gewinnsätze gehen wird.
Murray muss bei Olympia die unermessliche Erwartungshaltung seiner Landsleute nicht ganz alleine schultern. "Ich kann den Fernseher anmachen und höre niemanden über mich reden", sagte Murray und es klang wirklich erleichtert.
Auch aus Federers Sicht sind die psychologischen Vorzeichen anders. "Roger hat noch nie um eine Goldmedaille im Einzel gespielt", bemerkt Murray: "Bisher kannte er die Situationen stets besser, wenn wir gegeneinander gespielt haben. Er hatte immer viel mehr Erfahrung."
Wie Graf, Agassi und Nadal
Federer kann in London tatsächlich etwas Neues vollbringen.
Mit seinem ersten Einzelgold könnte der 30-Jährige seine einmalige Karriere krönen und als vierter Spieler nach Steffi Graf, Andre Agassi und Rafael Nadal neben allen Grand-Slam-Turnieren auch die olympische Goldmedaille gewinnen.
"Die Emotionen werden extrem sein, egal, wer gewinnt", sagt Federer. Während Murray klarstellt, was der Gewinn der Goldmedaille für ihn wäre: "Der Gipfel. Keine Frage."
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