"Wenn es drauf ankommt, bin ich da"
Aus London berichtet Michael Spandern
London - Er war Deutschlands mitreißendster Olympiasieger von Peking.
Als Matthias Steiner am 19. August 2008 neben seiner Goldmedaille das Foto seiner tödlich verunglückten Frau den Kameras entgegenhielt, brannte er sich ins kollektive Gedächtnis.
Vier Jahre später ist der in Österreich geborene Superschwergewichtler zurück auf der olympischen Bühne (ab 20 Uhr im LIVE-TICKER) - obwohl er im vorigen Herbst nach einem Sehneneinriss im Quadrizeps bereits daran dachte, die Langhanteln endgültig liegen zu lassen ( Bericht). ( SERVICE: Der Zeitplan vom Dienstag).
Andere Voraussetzungen als 2008
Auch in der Vorbereitung auf London wurde er gebeutelt: Drei Infekte und ein schwerer Hexenschuss warfen den 29-Jährigen immer wieder zurück.
Im SPORT1-Interview spricht Steiner über die gegenüber 2008 ungleichen Voraussetzungen, mit denen er in den Zweikampf aus Reißen und Stoßen geht, und die psychischen Folgen.
Aber der Drei-Zentner-Koloss vertraut auf seine Qualitäten als Wettkampftyp, die er schon in früher Kindheit an sich entdeckte.
SPORT1: Herr Steiner, Sie haben eine Vorbereitung voller Rückschläge hinter sich. Sind Sie rechtzeitig zu Olympia wieder fit?
Steiner: Nach der OP und all den Zwischentiefs waren die Trainingslager in Österreich sehr gut, besser als erwartet. Die Anspannung war groß: ich wollte bloß nicht wieder einen Infekt erhaschen. Da spürt man jeden Luftzug und hört jede Fliege husten. Das konnte ich aber ein ablegen.
SPORT1: Ist die Psyche also wieder intakt?
Steiner: Ich war bis zuletzt nicht wirklich frisch im Training. Das hat mich zeitweise ein bisschen deprimiert, da ich das anders gewohnt bin. Gerade von 2008, als ich einige Wettkämpfe hatte, in denen ich mir beweisen konnte, wie gut ich drauf bin. Das hat mir gefehlt. Es gab viele Gespräche, weil ich jeden Tag wieder aufgebaut werden musste. Aber es war sehr gut, dafür was ich im letzten Dreivierteljahr durchmachen musste.
SPORT1: Wie oft rufen Sie sich in solchen Momenten die Bilder von 2008 in den Kopf?
Steiner: Das sollte ich versuchen, so wenig wie möglich zu machen. Die Ansprüche sind nach wie vor noch sehr hoch. Ich darf damals und heute aber nicht vergleichen. Sonst mache ich mich nur verrückt. Ich rufe sie mir nur dann in den Kopf, wenn es darum geht, gut zu heben oder motiviert zu sein.
SPORT1: Welche Chancen auf eine Medaille rechnen Sie sich aus?
Steiner: Eine Prognose abzugeben ist schwer. Das Feld ist dicht wie schon lange nicht mehr. Es sind viele junge Athleten dabei, die ich nicht einschätzen kann. Es wird auf jeden Fall ein heißer Wettkampf.
SPORT1: Welchen Unterschied macht es, dass sie diesmal sozusagen der Titelverteidiger sind?
Steiner: Als Titelverteidiger sehe ich mich nicht, da mir der Olympiasieg von 2008 ja bleibt. Aber natürlich werde ich anders beobachtet, auch im Training. Aber da können sich die Gegner nicht viel abschauen, weil ich ja kein Trainingsweltmeister bin. Ich sehe es so: der Olympiasieg liegt vier Jahre zurück, inzwischen bin ich wieder der, der das Feld von hinten aufrollen muss.
SPORT1: Wenn Sie sagen, Sie seien kein Trainingsweltmeister, heißt das umgekehrt, sie sehen sich als Wettkampftypen. Gab es einen Schlüsselmoment, auf den Sie Ihre mentale Stärke zurückführen?
Steiner: Das hat man oder man hat es nicht. Ich habe es früh beim Fußball festgestellt, als die Unter-Zehnjährigen noch auf dem Querfeld gespielt haben. Da gab es beim Stande von 2:2 ein Siebenmeterschießen, und ich bin angetreten und habe getroffen, obwohl ich Verteidiger war. Solche Situationen hatte ich immer wieder im Leben. Wenn es drauf ankommt, bin ich da.
SPORT1: Tennis-Gigant Roger Federer bezieht viel Motivation daraus, dass seine inzwischen dreijährigen Zwillingstöchter seine Heldentaten so langsam mitbekommen und verstehen. Wie ist es bei Ihrem Sohn Felix?
Steiner: Er ist schon in einem Alter, wo er das Gewichtheben nachmacht, zuerst mit einer leeren Getränkekiste, inzwischen mit einem Besenstiel. Beim Hochheben und Fallenlassen macht er auch die Geräusche dazu. Da kriege ich schon ein Glücksgefühl, schließlich habe ich das auch bei meinem Vater erlebt. Aber das heißt jetzt nicht, dass Felix Gewichtheber werden muss.
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