Boll bricht Stein aus Chinas Mauer
Aus London berichtet Michael Spandern
London - Kurz vor Ende des langen olympischen Turniers ist Timo Boll zurück auf der Höhe seines Schaffens.
Im Einzel beinahe sensationell im Achtelfinale am Rumänen Adrian Crisan gescheitert, zum Auftakt des Teamwettbewerbs dem 46-jährigen Schweden Jörgen Persson unterlegen - und nun besiegte Deutschlands Vorzeigespieler im Halbfinale die Nummer 1 der Welt.
"Das war meine Auferstehung", sagte er zum Coup gegen den frisch gebackenen Olympiasieger Zhang Jike, "aber gleichzeitig unser Untergang." (BERICHT: Trotz Boll-Coup: China siegt im Halbfinale)
"Am Sieg geschnuppert"
Untergegangen war der Traum vom ersten deutschen Erfolg im 22. Versuch gegen China. Dimitrij Ovtcharov, Bastian Steger und das Doppel Boll/Steger bissen sich die Zähne aus.
Nach der verlorenen Revanche fürs Endspiel von Peking bleibt diesmal nur das Spiel um Bronze am Mittwoch (ab 12 Uhr im LIVE-TICKER) - und für Boll der Trost, einen Stein aus der chinesischen Mauer gebrochen zu haben.
"Es ist wichtig zu sehen, dass wir nicht völlig chancenlos sind, sondern am Sieg geschnuppert haben", sagte der Odenwälder zu SPORT1. (DIASHOW: Die Bilder des 10. Tages)
Auch mit Blick auf zukünftige Duelle: "Wir müssen sie immer mehr kitzeln, damit sie merken, es geht nicht von alleine."
Ovtcharov lässt seine Chancen aus
Am Montagnachmittag brauchten die Chinesen sogar "eine sensationelle Leistung", um sich durchzusetzen, fand Bundestrainer Jörg Roßkopf. ( SERVICE: Der Olympia-Zeitplan)
Allerdings, das stellte Boll auch fest: "Selbst wenn man richtig gut drauf ist, wird es schwierig." Und unmöglich, wenn im Auftakteinzel so viele Chancen liegen gelassen werden wie von Ovtcharov.
Der Bronze-Gewinner im Einzel versäumte es in den Schlussphasen des ersten und dritten Satzes, schwächere Aufschläge von Ma Long zu attackieren.
Zudem ließ er sich nach eigenem Smash von einem Konter des Weltranglistenzweiten überraschen.
Hongkong nur Kanonenfutter?
"Ich ziehe da nicht nur Negatives draus", versicherte der Europe-Top-12-Sieger bei SPORT1. "Es ist gut, dass ich einen Tag frei habe und neue Kräfte sammeln kann. Und dann probieren wir, die Medaille nach zu Hause zu holen."
Gegen Hongkong, das sein Halbfinale gegen Südkorea klar mit 0:3 verlor, sei Deutschland favorisiert. Boll wird noch deutlicher: "Wir sind brandheiß und werden sie auffressen."
"Wir sind stark genug, um zu gewinnen", stimmt Roßkopf zu - und baut vor allem auf einen starken Boll.
Alternativen bei der Aufstellung
Der Rekordeuropameister habe gegen Zhang "sensationell gut gespielt. Ich bin froh, dass er aus seinem Tief herausgekommen ist."
Offen lässt der Bundestrainer aber, wie er die ehemalige Nummer 1 einsetzt.
Hongkong sei vor allem im Doppel mit Leung/Jiang gefährlich. Vielleicht entscheidet sich Roßkopf deshalb, Ovtcharov statt Boll ins Doppel zu ziehen und auf zwei Einzelsiege des Routiniers zu hoffen.
"Ich bin froh, dass ich diese beiden Optionen habe", sagt Roßkopf nur.
Boll votiert dagegen bei SPORT1 dafür, dass alles beim Alten bleibt und Ovtcharov zweimal allein an die Platte geht: "Es spricht viel dafür, da Basti und ich wahrscheinlich das bessere Doppel bilden."
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