SPORT1-Kolumnist Nils Schumann hofft, dass der Diskus-Riese nach seinem Goldwurf das Gesicht der deutschen Leichtathletik wird.

Hallo Olympia-Freunde,

2000 bei den Olympischen Spielen in Sydney habe ich die Goldmedaille im 800-Meter-Lauf gewonnen. Und bis zum Sieg von Diskuswerfer Robert Harting war ich der letzte deutsche Leichtathlet, der bei Olympia ganz oben auf dem Podest stand.

Ich bin ganz ehrlich: Obwohl ich mit Harting während seines Wettkampfes vor dem Fernseher mit gezittert habe, war es zunächst ein wenig seltsam für mich, durch seinen Sieg dieses Alleinstellungsmerkmal verloren zu haben.

Aber für die deutsche Leichtathletik war sein Gold nach den ernüchternden Vorstellungen 2004 in Athen und 2008 in Peking extrem wichtig. Eine starke Leistung, zu der ich ihm gratuliere. Mittlerweile überwiegt auch bei mir ganz klar die Freude über seinen Olympiasieg.

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Aber nicht nur der Sieg an sich ist wichtig, sondern Robert Harting insgesamt als Person. Ich kenne ihn zwar nicht persönlich, finde aber, dass er ein echter Typ ist. Einer, der für die Leichtathletik, die nicht so oft im Mittelpunkt steht, sehr wertvoll ist.

Dabei konnte ich anfangs gar nicht so viel mit ihm anfangen. Irgendwie kam es mir bei ihm so vor, als ob er unbedingt besonders hart und stark wirken wollte, was ich persönlich nicht so gut fand.

Mittlerweile ist mir dieser kantige Typ aber sogar sehr sympathisch geworden. Weil er kein Blatt vor den Mund nimmt und auch, weil er hier und da mal ganz offen eine Schwäche zugeben kann.

Wie beispielsweise nach seinem Olympiasieg, als er ganz offen darüber gesprochen hat, was für Schwierigkeiten er während des Wettkampfs zu meistern hatte. Dass er zwischendurch schwere Beine bekam und nicht alles ganz cool geschafft hat. Das macht ihn menschlich und somit - ich wiederhole mich da gerne - sympathisch.

Ich glaube und hoffe, dass er in den nächsten Jahren sportlich weiterhin für Furore sorgen wird. Und dass er das Gesicht ist, das jeder kennt und das jeder sofort mit Leichtathletik in Verbindung bringt.

Anders als Harting waren die deutschen Läufer bisher weniger erfolgreich. Ich als ehemaliger Läufer finde es sehr schade, dass wir da so selten deutsche Athleten im Finale sehen.

Ich hoffe jedenfalls, dass der DLV in der verbleibenden Zeit noch die ein oder andere Medaille holt. Speerwerferin Christina Obergföll hat da beispielsweise noch richtig gute Chancen - vielleicht sogar auf Gold.

Ich persönlich werde weiterhin vor dem Fernseher mitfiebern - und dabei ab und zu die wunderschönen Erinnerungen an meinen eigenen Lauf 2000 Revue passieren lassen.

Bis zum nächsten Mal,

Euer Nils Schumann

Nils Schumann, 34, ist ehemaliger deutscher Leichtathlet und arbeitet inzwischen als Personal-Trainer. Im Jahr 2000 gewann Schumann bei den Olympischen Spielen von Sydney Gold über die 800 Meter und wurde zum Sportler des Jahres gewählt. Zudem wurde er Europameister aller Klassen über 800 m und mehrfacher Deutscher Meister. Sein schnellstes 800-m-Rennen lief er beim Memorial Van Damme in Brüssel in 1:44,16 Minuten. Für SPORT1 analysiert der gebürtige Thüringer als Kolumnist das Leichtathletikgeschehen bei den Olympischen Spielen in London.

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