Ein Gramm Gold, zehn Jahre Arbeit
Von Andreas Haupt
London/München - Als Maximilian Reinelt vor neun Jahren mit dem Rudersport begann, hatte er einen großen Traum. Er wollte an den Olympischen Spielen teilnehmen.
In London erfüllte sich Reinelts Traum, er startete im Deutschland-Achter, dem Paradeboot des Deutschen Ruderverbandes. Die Mannschaft von Trainer Ralf Holtmeyer trat als Favorit an und sicherte sich die Goldmedaille auf dem Dorney Lake.
Reinelt konnte sich die 400 Gramm schwere Plakette - die heute nur noch zu einem Gramm aus richtigem Gold besteht.
Im SPORT1-Interview spricht Reinelt über die Erfüllung seines Goldtraums - und darüber, wie viel Zeit, Mühe und Substanz in dem 5:48,75 Minuten langen Goldlauf gesteckt haben.
SPORT1: Herr Reinelt, der Deutschland-Achter war nach dem Olympiasieg in aller Munde. Wie sehr genießen Sie die öffentliche Aufmerksamkeit?
Maximilian Reinelt: Es ist natürlich schön, dass wir unseren Rudersport in die Öffentlichkeit bringen. Über uns bricht derzeit ein riesiger Medienrummel ein. Ich habe nie geglaubt, dass ich irgendwann Olympiasieger werde. Man braucht dazu jede Menge Glück und Training. Wenn man es dann geschafft hat, ist es einfach unglaublich. Mehr kann man im Amateursport nicht erreichen.
SPORT1: Es war die erste Goldmedaille bei Olympia nach 24 Jahren. Welche Bedeutung hat der Sieg für den deutschen Rudersport? ( SERVICE: Der Medaillenspiegel).
Reinelt: Für den gesamten Rudersport ist es ein super Ding. Ich glaube die größte Bedeutung hat der Sieg aber für unseren Trainer Ralf (Anm. d. Red.: Ralf Holtmeyer). Er war ja 1988 schon der Coach. Er hat sich riesig gefreut, dass er es wieder geschafft hat. Er ist einer der erfolgreichsten Trainer überhaupt.
SPORT1: Nach Ihrer Siegesserie von 35 Rennen hat jeder in Deutschland einen Triumph in London erwartet. Wie ist das Team mit dem öffentlichen Druck umgegangen?
Reinelt: Der Druck ist immer nur so hoch, wie man ihn sich selbst macht. Wir haben durch diese ewige Siegesserie immer mehr Selbstbewusstsein gewonnen, und uns selber gesagt: Auch an einem schlechten Tag, können wir um Medaillen mitfahren. Ich würde sagen, es war nicht eines unserer besten Rennen, aber dafür haben wir gekämpft, wie die Wahnsinnigen.
SPORT1: Wie haben Sie das Rennen erlebt?
Reinelt: Wir sind relativ gut gestartet und haben es geschafft, unseren Gegnern das Tempo aufzuzwingen. Die Briten haben bei etwa 750 bis 1250 Meter versucht, richtig Druck zu machen. Ich denke, Sie haben gehofft, bis 500 Meter vor das Ziel zu kommen, wo die großen Tribünen anfangen. Sie wollten sich auf einer Welle der Begeisterung ins Ziel tragen lassen. Martin (Anm. d. Red.: Martin Sauer, Steuermann) hat uns gesagt, wenn wir sie knacken wollen, müssen wir es jetzt machen. Wir haben außerplanmäßig einen Spurt eingelegt – und das bis zum Ende. Den Briten ist die Luft ausgegangen.
SPORT1: Wie hat das Team den Erfolg gefeiert?
Reinelt: Wir waren im Deutschen Haus. Es war nicht extrem spektakulär, die Party ist nicht ausgeufert. Wir wollen die Olympischen Spiele noch genießen, uns Sportveranstaltungen anschauen. Wenn man jeden Tag um 13 Uhr aus dem Bett kriecht, bekommt man nicht mehr viel mit von dem olympischen Gedanken und der Gemeinschaft.
SPORT1: Beschreiben Sie doch mal die Stimmung im olympischen Dorf.
Reinelt: Wir haben zuerst im Ruderdorf gewohnt. Dann waren wir in das richtige olympische Dorf umgezogen, nebendran befinden sich gleich auf dem "Olympic Green" die größten Wettkampfstätten. Es sind fast nur junge Leute da. Alle sind freundlich und freuen sich, dass sie da sein dürfen. Man wird überall herzlich empfangen - entgegen aller Unkenrufe, die Briten wären mit den Spielen nicht zufrieden. Das kann man nicht feststellen. Alle freuen sich, dass Olympia in London stattfindet.
SPORT1: Wie viel hartes Training steckt in Ihrem Erfolg?
Reinelt: Die großen Erfolge fangen ganz klein an. Bei mir stecken in der Medaille zehn Jahre Leistungssport. Es sind jede Menge Entbehrungen damit verbunden, das Abitur und Studium muss ja auch nebenher geregelt werden. Am Ende hatten wir eine Art Dauer-Trainingslager, ich bin dafür für ein Jahr aus der Uni. Wir haben 30 Stunden in der Woche trainiert.
SPORT1: Wie sieht denn so ein Tagesablauf aus – zwischen Studium und Sport?
Reinelt: Wir fangen mit dem Training um sechs Uhr an. Um neun Uhr beginnt meistens die Uni. Am späten Nachmittag treffen wir uns wieder am Stützpunkt, und gehen nach Möglichkeit zusammen rudern. Am Ende fallen alle müde ins Bett. Oder wenn man Pech hat, muss man noch lernen.
SPORT1: Das ganz große Ziel ist erreicht. Wie geht es weiter?
Reinelt: Der Fokus wird nun mehr auf das Studium gelegt. Im Oktober geht es wieder los für mich. Ich denke mal, dass wir bis Dezember nur einmal täglich trainieren, damit sich der Körper nach den vier Jahren erholen kann, die wir durchtrainiert haben. Der Sport zehrt an der Substanz.
SPORT1: Viele Sportler fallen nach einem Triumph in eine Art Motivationsloch...
Reinelt: Das empfinde ich so nicht. Ich bin einfach unglaublich stolz darauf, so etwas Großes erreicht zu haben. Ich habe keine Angst davor, dass es jetzt bergab geht. Es ist klar, dass wir nicht jedes Mal gewinnen können, und es wird nicht immer so weiter gehen. Aber rudern macht mir so viel Spaß, der Sport hat einen Platz in meinem Leben eingenommen . Und meine Teamkollegen und Trainer sind natürlich auch ein wichtiger Grund.
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