SPORT1-Kolumnist Nils Schumann kritisiert den Trainingsaufwand der deutschen Athleten. Vor Betty Heidler zieht er den Hut.

Hallo Olympia-Freunde,

Die Spiele in London und damit auch die Leichtathletik-Wettbewerbe sind vorbei - und das Chaos um Hammerwerferin Betty Heidler war aus deutscher Sicht natürlich der Aufreger.

Es ist unglücklich, wenn der beste Versuch einer Athletin, der eindeutig ein Medaillenwurf war, nicht gewertet wird.

Hut ab vor Betty Heidler, wie sie das hingenommen hat und dann noch ihren sechsten Versuch durchgeführt hat. Für sie war es mit Sicherheit eine große Behinderung. Dass so etwas ausgerechnet bei Olympia passiert, ist natürlich doppelt schade.

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In Bezug auf die zahlreichen unglücklichen Kampfrichter-Entscheidungen, muss man auch sagen, dass es schwer ist, Olympia zu proben.

Das Medieninteresse und die Aufregung ist um ein Vielfaches höher als sonst. Es waren sicher einige vermeidbare Sachen dabei, aber Menschen machen nun mal Fehler.

Zudem gibt es so eine Masse an Wettkämpfen, dass sich Fehlentscheidungen ab und zu nicht vermeiden lassen, auch wenn das Einzelschicksal, wie im Fall Heidler, immer tragisch ist.

Eine extrem starke Leistung hat der Brite Mo Farah mit seinen Goldläufen über 10.000 und 5.000 Meter abgeliefert.

Ich kenne Farah und sein Training zu wenig, aber es ist schon ganz stark, wenn ein Läufer innerhalb so kurzer Zeit die Weltspitze dominiert und das auf Strecken, die ganz schwer zu laufen sind.

Dass er das auch noch beim Heimspiel geschafft hat: Chapeau!

Dass es unter den Spitzenläufern keinen Deutschen gibt, zeichnete sich ja bereits seit längerer Zeit ab.

Ich bin aktuell immer noch der letzte Lauf-Olympiasieger des DLV (2000 in Sydney über 800 Meter, d.Red.) und es scheint, dass sich das so schnell nicht ändern wird.

Ein Leistungsabfall in der Breite war bereits zu meiner Zeit erkennbar. Vor gut 20 Jahren musste man selbst bei deutschen Hallenmeisterschaften noch Vorläufe absolvieren, heute steht man ja fast schon bei Normerfüllung im Finale.

Dieser Rückgang in der Breite bewirkt automatisch einen Rückgang in der Spitze. Wenn ich sehe, dass Deutschland keinen Starter beim Marathon hat, tut mir das weh, denn dieses Land hat eine tolle Laufvergangenheit.

Dass die deutschen Leichtathleten acht Medaillen geholt haben zeigt allerdings auch, dass wir immer noch tolle Athleten haben.

Disziplinen wie der Stabhochsprung der Männer mit Silber und Bronze für Björn Otto und Raphael Holzdeppe oder die Goldmedaille von Robert Harting im Diskuswerfen waren toll anzuschauen.

Das sind Disziplinen, die eine hohe Technik erfordern. Doch bei den grundathletischen Leistungen wie Sprint, Weitsprung und Ausdauer haben wir bis auf wenige Ausnahmen keine Chance.

Es liegt aber auch viel in der Eigenverantwortung der Athleten. Natürlich ist der Weg in die Weltspitze leichter, wenn begleitend ein starker Verband mit guten Förderstrukturen hinter einem steht, doch man kann nicht erwarten, sich in ein gemachtes Nest zu setzen.

Ich habe den Eindruck, dass die Opferbereitschaft der Athleten abgenommen hat. Selbst wenn die Sportförderung den Athleten drei Millionen mehr im Jahr zur Verfügung steht, kann man trotzdem nicht davon ausgehen, dass es 2016 in Rio mehr Olympiasieger gibt.

So einfach ist die Rechnung nicht.

Bis zum nächsten Mal,

Euer Nils Schumann

Nils Schumann, 34, ist ehemaliger deutscher Leichtathlet und arbeitet inzwischen als Personal-Trainer. Im Jahr 2000 gewann Schumann bei den Olympischen Spielen von Sydney Gold über die 800 Meter und wurde zum Sportler des Jahres gewählt. Zudem wurde er Europameister aller Klassen über 800 m und mehrfacher Deutscher Meister. Sein schnellstes 800-m-Rennen lief er beim Memorial Van Damme in Brüssel in 1:44,16 Minuten. Für SPORT1 analysiert der gebürtige Thüringer als Kolumnist das Leichtathletikgeschehen bei den Olympischen Spielen in London.

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