Deutschlands Abrutschen im Medaillenspiegel ist halb so wild und bald vergessen. Die Briten taugen als guter Mutmacher.

Deutschland ist aus den Top 5 im Medaillenspiegel verschwunden. Zwar holten die deutschen mehr Edelmetall als vier Jahre zuvor in Peking, aber dafür fünf Goldene weniger.

Schon ist das Geschrei derjenigen groß, die dem DOSB-Kader den Biss, die Opferbereitschaft, die Siegermentalität absprechen.

Gilt das für Radprofi Tony Martin, der sich im Einzelzeitfahren - mit angebrochener Hand - lediglich dem britischen Rekord-Olympioniken und Tour-de-France-Sieger Bradley Wiggins geschlagen geben musste?

Gilt das für den Freiwasserschwimmer Thomas Lurz, der nach 10 km rund drei Sekunden nach dem ehemaligen Doping-Betrüger Oussama Mellouli anschlug?

Gilt das für Marcel Nguyen, der nach 76 Jahren die erste Turnmedaille im Mehrkampf für Deutschland holte - allerdings ebenfalls nur Silber?

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Roland Matthes erschwamm zwischen 1968 und 1972 viermal Olympiagold. Nun schreibt er der "Welt": "Mit einem Sieger-Gen geboren wurde auch ich nicht. Das muss einem im Trainingsprozess eingeimpft werden."

Der 61-Jährige, gedrillt im Sportsystem der DDR, fordert: "Der eine kriegt das durch Zuckerbrot, der andere mit der Peitsche. Mir ist da jedes Mittel recht."

Nun holt die eine Chinesin mit schnelleren Bahnen als Phelps und Lochte zweimal Gold im Aquatics Centre, die andere, nachdem sie ein Jahr abgeschottet war und weder vom Tod ihrer Großmutter noch von der Brustkrebserkrankung ihrer Mutter erfahren hat. Ist das recht?

Und was ist mit den finanziellen Mitteln, über deren Mangel viele Funktionäre wehklagen? Ist es recht, Prämien und Fördergelder zu verdoppeln und gleichzeitig die Staatswirtschaft zu ruinieren?

Tatsächlich ist Platz 6 im Medaillenspiegel halb so wild. Darüber darf die Nation einige Tage nörgeln, aber Staatstrauer löst er nicht aus (SERVICE: Der Medaillenspiegel).

Schließlich stiftet der olympische Sport hierzulande längst nicht die Identifikation, wie er es in China oder Südkorea schafft. Bald startet die Fußball-Bundesliga, und das Herz der Deutschen schlägt wieder höher.

So war es auch lange in Großbritannien. Dem Land, das seine Goldausbeute von 19 in Peking auf 29 in London hochschraubte und den Deutschen gerade in ihren Paradedisziplinen den Sieg vor der Nase wegschnappte.

Doch dann kam der Zuschlag für Olympia und der Stolz, Gastgeber zu sein. Seit Jahren arbeiteten die Sportler, ja große Teile des Königreichs auf diese Sommerspiele hin. Umso größer der Antrieb, vor den eigenen, enthusiastischen Fans nach dem Olympiasieg zu greifen.

Der Erfolg ihrer Sportler ist auch das Verdienst der Bevölkerung. Umgekehrt ist der Erfolg dieser Spiele auch das Verdienst der erfolgreichen Sportler, welche die Begeisterung beinahe überborden ließen.

Und so taugt England sehr gut als Mutmacher. Nämlich dafür, Olympia trotz anfänglicher Skepsis einiger Öffentlichkeiten ins Land zu holen.

Gelingt das, ist auch wieder Platz 5 im Medaillenspiegel drin. Aber auch dann darf man sich mal über Silber freuen.

SPORT1-Redakteur Michael Spandern ist in London vor Ort und berichtet als Reporter von den Olympischen Spielen.