Murren überall: "Die lachen uns aus"
Aus London berichtet Michael Spandern
London - Die Spiele sind vorbei, das große Murren hat begonnen.
Obwohl Deutschland in London mehr Medaillen durch mehr Fachverbände als vor vier Jahren in Peking gesammelt hat, rumort es aus allen Ecken.
Und da der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) gezwungen war, am Freitag seine Zielvereinbarungen mit den Verbänden zu veröffentlichen, steht er nun nicht nur wegen undurchsichtiger Förderkriterien in der Kritik, sondern auch unter dem Verdacht des Realitätsverlusts.
Schließlich standen da 28 Goldmedaillen zu Papier, im tatsächlichen Medaillenspiegel allerdings nur elf und damit Platz 6, einer niedriger als 2008 ( SERVICE: Der Medaillenspiegel).
Förderung nach "abstrakten Potenzialen"
Thomas Bach, Präsident des DOSB, bemühte sich klarzustellen, dass der Begriff Zielvereinbarungen irreführend ist. Es seien "abstrakte Potenziale identifiziert" worden - und das bereits vor vier oder fünf Jahren.
Doch den Ärger der Verbände hat er nun trotzdem am Hals, auch derer, die im Plan liegen.
"Wenn man den deutschen Sommersport sieht, kann man an den alten Strukturen nicht festhalten", schimpfte Detlef Uibel vom Bund Deutscher Radfahrer. Es genüge nicht, "wenn man das Geld nur hin- und herschiebt", meint der Cheftrainer für den Sprintbereich. "So kann Deutschland nicht weitermachen!"
Mehr Geld soll her
Zwar ist Mehrbedarf beim Bundesministerium angemeldet, aber in Zeiten knapper Haushaltskassen heißt das noch lange nicht, dass mehr als die jetzigen 132 Millionen Euro fließen. 240 Millionen stecken alle Ministerien zusammen in den Sport.
"Wenn Deutschland international weiter mithalten will, brauchen wir mehr Mittel, um dies sicherzustellen", fordert Michael Vesper, der Chef de Mission.
Auch die Sportler reden über das Geld. "Wenn wir wollen, dass der deutsche Sport in den nächsten Jahren erfolgreich ist, müssen wir mehr investieren", meinte Sebastian Brendel, Olympiasieger im Canadier. "In den meisten Sportarten geht das nicht mehr, dass du nicht Profi bist."
Leichtathletik beendet ihre Krise
"Wir vergleichen uns in der Wirtschaft mit sämtlichen Ländern, und wir setzen politisch Maßstäbe. Warum sollen wir uns nur in der Sportförderung nicht mit anderen vergleichen dürfen?", fragte Diskus-Olympiasieger Robert Harting. "Und da lachen uns die anderen aus."
Harting holte eine von acht Medaillen in der Leichtathletik, sieben mehr als in Peking und sechs mehr als 2004 in Athen. Vesper schreibt sich das als Verdienst des DOSB auf die Fahnen, da durch die Zielvereinbarung nicht mehr Zurückliegendes belohnt oder bestraft, sondern Problemkindern auf die Beine geholfen werde.
Ob aber nun die Mehrkosten bei erfolgreicheren Verbänden eingespart würden, verriet er nicht (DIASHOW: Die Bilder des Tages).
DLV nicht an Vereinbarung beteiligt?
Trotz des Erfolgs begehrt der Deutschen Leichtathletik-Verband auf. Sportdirektor Thomas Kurschilgen etwa bestreitet, an der Zielvereinbarung beteiligt gewesen zu sein: "Ich kann nicht erkennen, auf welcher Grundlage diese Medaillenprognose überhaupt entstanden ist", sagte er "leichtathletik.de".
Auch Thomas Weikert, Präsident des Deutschen Tischtennis-Bundes, reiht sich trotz zweier Bronzemedaillen durch das Team und Dimitrij Ovtcharov in den Chor der Kritiker ein: "Wir sehen eine grundlegende Diskussion über die Förderung des deutschen Sports als notwendig an."
Thomas Bach hat eine "umfassende Überprüfung des Fördersystems" angekündigt, aber gleichzeitig behauptet, alle Verbände stünden hinter den Zielvereinbarungen, die - weil der Begriff irreführe - nun Fördervereinbarungen heißen sollen.
Größte Enttäuschung: die Schwimmer
Unwahrscheinlich also, dass sich Grundlegendes ändert.
Zumal der DOSB-Chef ja die 44 deutschen Medaillen (11 Gold, 19 Silber, 14 Bronze) in London euphorisch bewertete: "Niemand hätte gedacht, dass im härtesten Wettbewerb aller Zeiten mehr Medaillen gewonnen werden könnten als in Peking."
Dabei blieben einige Sparten deutlich unter den Erwartungen, allen voran die Schwimmer, die bis zur letzten ihrer 47 Entscheidungen warten mussten, bis Thomas Lurz Silber über 10 km im Hyde Park gewann.
Der deutsche Kader schrumpft
Die Schützen und Segler gingen komplett leer aus, im Tennis und Volleyball war es aus deutscher Sicht nicht anders, aber weniger enttäuschend.
Alle Basketball-, Handball und Fußballteams hatten sich nicht einmal für London qualifiziert.
"Schade, dass die Olympiamannschaft so klein ist", meinte dann auch Volleyballspieler Christian Dünnes: "Sie geht immer weiter zurück, wie auch unsere Medaillenausbeute. Das richtig dicke Ende kommt erst noch."
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