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Timo Boll war im Januar 2003 Weltranglistenerster © getty

Timo Boll verzichtet für eine olympischen Medaille auf seinen geliebten Tauchurlaub. Seine Frau gibt ihm großen Rückhalt.

Peking - Als Timo Boll sich den großen Traum von der Olympiamedaille endlich erfüllt hatte, legte er den Schläger zur Seite und nahm sofort das Telefon in die Hand.

Am anderen Ende ertönte die Stimme seiner Frau Rodelia, und der Tischtennis-Champion strahlte über das ganze Gesicht.

Der wichtigste Mensch in seinem Leben hatte tausende Kilometer entfernt am Bildschirm verfolgt, wie Boll sich und die deutsche Mannschaft ins Finale von Peking schmetterte.

Seine Delia war wegen ihrer Flugangst nicht dabei, doch man sah Timo Boll an, dass sie sich trotzdem ganz nah waren.

Quälen für den Erfolg

Gerade seine Frau, mit der Boll seit Silvester 2003 verheiratet ist, hatte für den Traum ihres Mannes im vergangenen Jahr auf vieles verzichten müssen. Für die geliebten Tauchurlaube blieb keine Zeit, in den letzten Wochen vor Olympia sahen sie sich so gut wie gar nicht.

Der introvertierte Hesse hatte sein ganzes Leben den Spielen in Peking untergeordnet. In dem Land, in dem er ein Superstar ist, zum schönsten Sportler der Welt gewählt wurde und in dem sogar die einheimischen Stars regelrecht Angst vor ihm haben, soll die Karriere des bisher einzigen deutschen Weltranglistenersten gekrönt werden.

Großes Talent allein reicht allerdings nicht beim langen Weg in den Olymp. Boll rührte keinen Alkohol an, quälte sich im Trainingslager auf Lanzarote mit bis zu drei Einheiten pro Tag mit 75 km Radfahren, 8 km Laufen und 1,5 Stunden im Fitnessraum.

Probleme mit der Patellasehne

Im Februar, nur ein halbes Jahr vor dem wichtigsten Turnier seines Lebens, streikte dann auf einmal sein Körper. Die Patellasehne hatte sich entzündet, die einzige Kur: Ruhe, Ruhe, Ruhe. Für einen Perfektionisten wie Boll die Hölle.

Zwei Monate später meldete er sich zurück, schied bei den deutschen Meisterschaften jedoch gegen einen Oberligaspieler aus.

Zweifel an dem Projekt Olympiamedaille wurden laut, doch Boll verwies immer wieder darauf, dass noch genügend Zeit sei. Der Bambi-Preisträger sollte Recht behalten.

Boll, der mit vier Jahren im Keller seines Elternhauses das erste Mal auf den kleinen Zelluloidball eindrosch, hat gelernt, auf seinen Körper zu hören. In Athen spielte er wegen Rückenproblemen nur mit Schmerztabletten, es war halt Olympia. Im Viertelfinale war Schluss. Das sollte in Peking nicht nochmal passieren.

Freudentränen nach Triumph

In seinem letzten Einzel im Halbfinale gegen Japan hat er sich dann endgültig bewiesen, dass er ein Gewinner ist, er hat dem unmenschlichen Druck standgehalten. Silber ist sicher, selbst Gold gegen China scheint mit einem wie ihm nicht mehr unmöglich. Ein Champion ist er ohnehin schon.

Nach dem Triumph fiel alles von ihm ab. Der sonst so reservierte Timo Boll gewährte der Welt einen Blick in sein Innenleben und ließ seinen Freudentränen freien Lauf.

Seine Delia saß im fernen Deutschland. Und verdrückte wohl auch die eine oder andere Träne.

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