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Yang Yilin ist mit 15 Jahren bereits Olympia-Dritte © getty

Für die chinesischen Athleten ist Olympia die Chance, den gesellschaftlichen Aufstieg zu schaffen - oft zu einem hohen Preis.

Peking - Guo Wenjun wurde vor neun Jahren von ihrem Vater in die Obhut ihres Trainers übergeben, Cao Lei der Tod ihrer Mutter verschwiegen - der chinesische Goldregen bei den Olympischen Spielen von Peking hat einen hohen Preis.

Rausgerissen aus ihren Familien und in ein brutales Trainingsregime eingespannt, wurden die Athleten im Auftrag Olympias zu sportlichen Speerspitzen der roten Weltmacht gedrillt.

"Ich würde um keinen Preis der Welt so leben und trainieren wie die Chinesen", sagt der deutsche Turner Philipp Boy. Seine Kollegin Katja Abel findet, "dass wir auch alle leistungsorientiert sind, aber so etwas führt zu weit".

Yang Yilin, gerade zarte 15 Jahre alt, berichtete nach ihrem dritten Platz im Turn-Mehrkampf, dass sie in einem Jahr im Nationalteam ihre Familie nicht einmal gesehen habe.

Gesellschaftlicher Aufstieg

Noch tragischer ist das Schicksal der Schützen-Olympiasiegerin Guo Wenjun, die in einer Nacht im April 1999 ihren Vater zum letzten Mal sah.

Er informierte ihren Trainer Huang Yanhua mit einer kleinen schriftlichen Notiz: "Ich gehe weit weg. Ich möchte, dass du Wenjun wie deine Tochter behandelst und ihr hilfst, das Beste zu geben."

Kein Einzelfall im Milliarden-Land, in dem eine sportliche Karriere nicht nur wegen der Olympia-Goldprämie von umgerechnet 25.000 Euro gesellschaftlichen Aufstieg bedeutet.

Tod der Mutter verschwiegen

In den fünf Eliteschulen im Nationalsport Tischtennis werden beispielsweise schon Achtjährige kaserniert, mit zwölf verdienen die Stars der Zukunft schon mehr als ihre Eltern.

Die versuchen jede Störung von ihren Lieben fernzuhalten - wegen der staatlich verordneten Ein-Kind-Politik ist das einzige Kind auch die einzige Hoffnung.

Die Familie von Cao Lei verschwieg der Gewichtheberin lange, dass ihre Mutter bereits am 22. Juni gestorben ist. Als sie es erfuhr, weinte sie lange, und als sie in Peking nach dem Olympiasieg auch noch Weltrekord heben wollte, brach sie unter der Last psychisch zusammen.

Der Einzelne zählt nichts

Auch Goldschützin Chen Ying erfuhr erst nach der Siegerehrung, dass ihre Mutter Brustkrebs hat und unter der Chemotherapie leidet.

Gewichtheber Zhang Xiangxiang war nach einem Fehler bei einer Operation bereits dem Tod nahe, erhielt von den Ärzten Sportverbot und wurde in Peking dennoch Olympiasieger.

Es ist ein fast lebensverachtendes Sportsystem, in dem der Einzelne nichts zählt.

Lebensstil wird kontrolliert

Tian Liang, Athen-Olympiasieger im Wasserspringen, wurde wegen einer Liebesaffäre und seinem glamourösen Lebensstil beispielsweise vor Peking aussortiert.

"Er hat die Regularien der zentralen Sportadministration verletzt", hieß die lapidare Begründung.

Und als der millionenschwere Tischtennis-Star Kong Linghui im vergangenen Jahr nach beachtlichem Alkoholgenuss seinen Porsche an einem Taxi bremste, wurden allen aktuellen Nationalspielern umgehend Alkohol und Autos verboten.

Kopfschütteln in China

Derlei rigide Maßnahmen sorgen inzwischen selbst in China vielerorts für Kopfschütteln.

Die große Internetgemeinde startete etwa eine landesweite Suche nach dem Vater von Guo Wenjun - und zumindest diese traurige Geschichte hatte mit dem ersten Treffen der beiden nach neun Jahren ein Happy End.

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