Tokio knackt den Milliarden-Jackpot und setzt sich in einer dramatischen Wahl gegen Istanbul und Madrid durch.

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Buenos Aires - Tokio hat den Milliarden-Jackpot geknackt und ist nach einem Herzschlagfinale Gastgeber der Olympischen Spiele 2020.

Die japanische Hauptstadt setzte sich in einer dramatischen Wahl in Buenos Aires trotz der Probleme mit den Folgen der Atomkatastrophe von Fukushima gegen Istanbul und Madrid durch, das überraschend als erstes gescheitert war.

Tokio, das die Jugend der Welt bereits 1964 zu Gast hatte, darf als fünfte Stadt in der olympischen Geschichte nach London (1908/1948/2012), Los Angeles (1932/1984), Paris (1900/1924) und Athen (1896/2004) die Spiele zum zweiten Mal austragen.

Rogge öffnet Gewinner-Umschlag

Um 22.20 Uhr öffnete IOC-Präsident Jacques Rogge (Belgien) den Gewinner-Umschlag mit den Olympischen Ringen.

Bei der Bekanntgabe brach die japanische Delegation in riesigen Jubel aus, auch in Tokio begann um 5.20 Uhr morgens die Siegesparty.

Die Befürworter Istanbuls ließen in Buenos Aires und am Bosporus die Köpfe hängen. 60 der 97 Wahlberechtigten hatten für Tokio gestimmt, 36 für Istanbul.

Bis zum Schluss verbissen

Fukushima wurde bis in den Wahltag hinein diskutiert, dennoch gelang es den Japanern am besten, die Bedenken der IOC-Mitglieder zu zerstreuen.

Denn das finanziell gebeutelte Madrid kämpfte bis zum Schluss verbissen darum, glaubhaft wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zu demonstrieren, Istanbul schaffte es nicht, die 95 stimmberechtigten IOC-Mitglieder mit Weltoffenheit und Toleranz auf erste Olympische Spiele in einem islamisch geprägten Land einzuschwören.

Das wirtschaftlich und sozial stabile Tokio bot dem IOC "ein sicheres Händepaar" - und lag damit anscheinend goldrichtig.

Dramatische Wahl

Die 125. IOC-Session erlebte eine dramatische Wahl. Während sich Tokio im ersten Wahlgang durchsetzte, lagen Madrid und Istanbul gleichauf.

Die Stichwahl entschied Istanbul hauchdünn mit 49:45 für sich und zog ins Finale gegen Tokio ein. Zwischen Entscheidung und Bekanntgabe ließ das IOC dann protokollgemäß noch mal mehr als eine Stunde verstreichen.

Aber es war auch für Tokio ein harter Kampf. Demonstrativ locker und mit vielfältigen Sicherheitsgarantien ging die japanische Hauptstadt wenige Stunden vor der Wahl im Rahmen der 125. IOC-Session auf die Zielgerade - doch die Katastrophe holte sie erneut ein.

Verseuchtes Wasser

Nachdem Premierminister Shinzo Abe in der letzten Präsentation das Thema bereits aufgegriffen hatte, musste er auch eine Nachfrage aus dem Kreis der IOC-Mitglieder beantworten.

"Ich bin für die Sicherheit der Jugend in Fukushima genauso verantwortlich wie für die der Athleten in 2020, und ich werde dieser Verantwortung nachkommen", sagte Abe.

Die Probleme an der Reaktorruine in Fukushima, aus der zuletzt vermehrt hochradioaktiv verseuchtes Wasser ausgetreten war, seien lokaler Natur. "Das verseuchte Wasser begrenzt sich auf den Bereich vor Fukushima", sagte Abe, der betonte: "Japans Sicherheitsstandards für Wasser und Nahrungsmittel gehören zu den höchsten der Welt."

Tokio: "eine garantierte Leistung"

Schon in seiner Rede während der 45-minütigen Präsentation hatte Abe eindringliche Worte ans Wahlvolk gerichtet: "Lassen Sie mich versichern, dass die Situation unter Kontrolle ist. Tokio hat nicht und wird niemals Schaden nehmen", sagte Abe:

"Tokio bietet Ihnen für 2020 eine garantierte Leistung. Tokio zu wählen heißt, einen kraftvollen Antreiber der Olympischen Bewegung zu wählen. Wir sind bereit, mit Ihnen zu gehen."

Emotional und locker

In Buenos Aires näherte sich die Delegation der Tsunami-Problematik auch auf der emotionalen Schiene. Paralympics-Weitspringerin Mami Sato, die durch Krebs ein Bein verloren hat, berichtete mit stockender Stimme über schwere Tage nach der Naturkatastrophe, an denen sie ihre Familie suchte - und sie schließlich wiederfand.

Ansonsten versuchte die Delegation, Lockerheit zu demonstrieren und auf die zahlreichen Stärken Tokios zu verweisen: ein nahezu perfektes Transportsystem, kompakte Spiele im Umkreis von nur acht Kilometern um das Olympische Dorf, hervorragende Infrastruktur und innere Sicherheit.

Zudem wurde umfangreich auf die wirtschaftliche Stabilität der Region hingewiesen.

Madrid mit kleinem Budget

Madrid hatte das mit Abstand kleinste Budget aller Bewerber zu bieten, daraus resultierend, dass in Madrid die meisten Olympiabauten bereits stehen, doch auch dieses Argument verhalf nicht zum Triumph.

"Das Wichtigste in global schwierigen Zeiten ist, eine Stadt zu haben, die bereits vorbereitet ist", hatte Juan Samaranch junior, Sohn des legendären spanischen IOC-Präsidenten (1980 bis 2001) und selbst IOC-Mitglied, in der letzten Präsentation gesagt.

Auch die Worte des Premierministers Mariano Rajoy fanden letzlich kein Gehör: "Alle spanischen Institutionen unterstützen Madrid 2020, und unsere finanziellen Kapazitäten sind unstrittig. Wir sind auf dem Weg der Erholung", sagte Rajoy und fügte hinzu: "Madrid ist ein loyaler und vertrauensvoller Partner und ergibt als Gastgeber jetzt mehr Sinn denn je."

Kronprinz Felipe, als Segler an den Spielen 1992 in Barcelona beteiligt, wertete die Krise in seinem Land "nicht als Bedrohung für die olympische Bewegung, sondern als Chance". Madrid war schon mit seinen Bewerbungen um die Spiele 2012 (London) und 2016 (Rio de Janeiro) knapp gescheitert.

Junge, blühende Metropole

Istanbul, das sich zuvor sogar viermal vergeblich beworben hatte, zeigte sich am Wahltag als junge, blühende Metropole. Premierminister Recep Erdogan appellierte an die IOC-Mitglieder, "gemeinsam Brücken zu bauen und gemeinsam Geschichte zu schreiben".

Der Staatschef, der wegen seines harten Vorgehens bei den jüngsten Protesten in seinem Land weltweit in der Kritik gestanden hatte, gab sich im Rahmen der letzten Präsentation tolerant und weltoffen, weckte aber kaum Emotionen.

"Eine Sprache ist wichtiger als alle anderen: die Sprache des Herzens. Wir wollen eine Botschaft des Friedens und der Freundschaft in die Welt aussenden", sagte Erdogan. Istanbul habe "den Willen und das Potenzial, die Spiele auszutragen". Die IOC-Mitglieder sahen es anders.

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