Das IOC wähnt sich mit der Wahl Tokios auf der sicheren Seite. Aber die Zweifel nach dem Atomunglück von Fukushima bleiben.

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Buenos Aires - Als kurz vor Sonnenaufgang in Tokio die Olympia-Fans begeistert auf den Straßen tanzten, rollten sie in Madrid und Istanbul die Fähnchen mit den fünf Ringen fassungslos wieder ein.

Die Wahl der japanischen Metropole zum Gastgeber der Olympischen Spiele 2020 hat nicht nur in den beiden Verlierstädten lange Gesichter und hitzige Diskussionen zur Folge.

Die Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) wollen ihre Spiele lieber 230 Kilometer von der Atomruine in Fukushima entfernt, als mit Madrid ins finanzielle Risiko zu gehen oder mit Istanbul zu neuen, aber unsicheren Ufern aufzubrechen.

Konservative Entscheidung

IOC-Vize Thomas Bach, der am Dienstag erster deutscher "Herr der Ringe" werden will, hielt das Votum von Buenos Aires für eine Grundsatzentscheidung.

"Die Mitglieder haben sich für die Bewerbung entschieden, die in einer politisch und ökonomisch fragilen Welt an Tradition, Stabilität und Sicherheit appelliert hat", sagte Bach - und ignorierte dabei Fukushima. Das Wahlergebnis sei "durchaus konservativ" ausgefallen.

Abe verspricht Sicherheit

Die dutzendfach wiederholten Sicherheitsgarantien der japanischen Delegation bei der letzten Präsentation am Samstag kurz vor der Entscheidung hatten anscheinend Eindruck beim IOC-Wahlvolk hinterlassen.

Allerdings hatten IOC-Ehrenmitglied Walther Tröger und Claudia Bokel, Vorsitzende der IOC-Athletenkommission, den Zuschlag für Tokio durchaus erwartet.

Tokio sei für ihn leicht favorisiert gewesen, sagte Tröger, und Bokel versicherte, sie sei "nicht überrascht" von der Entscheidung: "Jetzt freue ich mich sehr mit und für Tokio."

Schwächen wichtiger als Stärken

Bach lobte derweil den "offensiven Umgang" Tokios mit dem Problem Fukushima und ließ durchblicken, dass die Wahl wohl eher Zweckbündnis als Liebesheirat war:

"Man kann sagen, dass es diesmal wichtiger war, die Schwächen zu adressieren als die Stärken zu präsentieren."

Dieser für eine Olympiawahl durchaus ungewöhnliche Drahtseilakt gelang den Japanern so gut, dass sie in sieben Jahren zum zweiten Mal nach 1964 die Jugend der Welt in der Hauptstadt begrüßen dürfen: zu den "Spielen der XXXII Olympiade" vom 24. Juli bis zum 9. August 2020.

"Jetzt muss er liefern"

DOSB-Generaldirektor Michael Vesper, Partei-Gründungsmitglied der Grünen, wurde in puncto Strahlungsgefahr deutlicher als Bach.

"Die IOC-Mitglieder haben dem japanischen Premierminister das Bekenntnis abgenommen, Fukushima beherrschen zu können", sagte Vesper:

"Jetzt muss er natürlich liefern in den kommenden Jahren."

Ein Traum, eine Hoffnung und eine Zukunft

Premier Shinzo Abe, der in der Präsentation als Atomexperte ("Das Problem ist auf Fukushima begrenzt") und Sicherheitschef ("Tokio wurde nicht beschädigt und wird es auch niemals") aufgetreten war, gab sich nach der Wahl hocherfreut, aber auch demütig.

"Wir werden der Welt das zurückzahlen, was wir ihr für ihre Unterstützung aus der Zeit nach dem Tsunami schuldig sind", sagte Abe und fügte dankbar hinzu: "Uns wurden ein Traum, eine Hoffnung und eine Zukunft gegeben."

Wieder verseuchtes Wasser

Die Riesenwelle, im März 2011 hervorgerufen durch ein Erdbeben, hatte 18.000 Menschen in den Tod gerissen und den Kernreaktor in Fukushima zerstört. Zuletzt war dort aus einem Leck vermehrt hochradioaktives Wasser ins Meer geflossen.

All das konnte nicht verhindern, dass Tokio den zweiten Wahlgang in Argentinien gegen Istanbul mit 60:36 Stimmen für sich entschied. Die Japaner hatten schon den ersten Durchgang gewonnen (42 Stimmen), Istanbul setzte sich nach einem Patt (26:26) in einer Stichwahl gegen Madrid durch (49:45).

Nadal meldet sich aus New York

Besonders die zuvor hoch gehandelten Spanier waren schockiert.

"Der Traum von Olympia endet im Albtraum. Eine riesige Enttäuschung", schrieb die "Marca", und aus New York meldete sich nach seinem Endspieleinzug bei den US Open ein völlig konsternierter Rafael Nadal zu Wort.

"Das ist sehr hart für uns alle, weil das Land und die Stadt Madrid sehr viel gearbeitet haben. Wir fühlen, dass wir es verdient gehabt hätten", sagte Nadal, der die Bewerbung offiziell unterstützt hatte: "Ich bin sehr enttäuscht, weil wir dachten, wir seien in einer guten Position."

"Eine bessere Entscheidung war möglich"

Dagegen hielt sich die Enttäuschung bei den Türken in Grenzen.

Premierminister Recep Tayyip Erdogan übte nur leise Kritik am IOC. "Ich bin nur traurig, dass das ausgewählte Land die Spiele schon einmal ausgerichtet hat", sagte der Staatschef, "eine bessere Entscheidung war möglich."

Bewerbung, die sechste

Dagegen erklärte Istanbuls Gouverneur Huseyin Avni Mutlu, man habe bewiesen, dass man ein ernsthafter Wettbewerber gewesen sei.

Er glaube nicht, dass Istanbul verloren habe: "Wir lieben den Wettkampf, also werden wir es weiter versuchen."

Die große Tageszeitung Hürriyet titelte vielsagend mit nur zwei Worten: "Noch nicht!" Die nächste Bewerbung wäre Istanbuls sechste.

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