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Jürgen Hingsen spricht im Interview der Woche auf Sport1.de über die Entwicklung der Leichtathletik und kritisiert den Fußball.

Von Conny Konzack

München - Die deutschen Zehnkämpfer fighten derzeit in Peking um Medaillen.

Jürgen Hingsen, noch immer deutscher Rekordhalter in dieser Sportart, betrachtet das aus der Ferne.

Der frühere Weltklasse-Athlet hat mittlerweile den Kontakt zu den Protagonisten verloren, gibt er im Interview der Woche mit Sport1.de zu.

Hingsen spricht über die Entwicklung der Leichtathletik, nennt Gründe für den Absturz, das Vorbild Wintersport und kritisiert den Fußball.

Sport1: In den 80er Jahren haben Ihre Zehnkampf-Duelle mit dem Briten Daley Thompson polarisiert. Wo erleben Sie Olympia dieser Tage?

Jürgen Hingsen: Am Fernseher, zuhause, in Restaurants. Wo immer ich gerade bin. Besonders interessiert mich natürlich der Zehnkampf, in dem die Deutschen international immer Spitze waren: Wenn man an Top-Stars wie zum Beispiel Willi Holdorf, Kurt Bendlin oder Guido Kratschmer denkt...

Sport1: ...und Sie. Wurden Sie eigentlich noch lange gehänselt, dass sie 1988 in Seoul drei Fehlstarts beim 100-m-Lauf hatten?

Hingsen: Eine Zeitlang schon: Meine drei Weltrekorde kamen dadurch nicht so stark zur Geltung. Aber das ist längst Geschichte. Heute zählt für mich viel mehr, dass ich letzthin von 100.000 TV-Zuschauern in der ewigen Bestenliste der deutschen Sportler immerhin auf Platz elf gewählt wurde.

Sport1: Kennen sie die drei deutschen Starter im Zehnkampf?

Hingsen: Gerade mal mit Namen, aber persönlich nicht. Mir geht's wahrscheinlich wie vielen anderen Menschen: Gibt es keine Leitfiguren in einer Sportart, verliert man das Interesse.

Sport1: Aber Sie sind seit 1984 - fast unvorstellbar - immer noch deutscher Rekordhalter im Zehnkampf.

Hingsen: Ja unglaublich! Mit 8832 Punkten. Darauf bin ich einerseits zwar stolz - der gültige Weltrekord liegt gerade mal 192 Punkte drüber -, aber das stimmt mich auch traurig und nachdenklich.

Sport1: Worüber?

Hingsen: Darüber, dass diese tolle Sportart, für mich immer noch die Königssportart, bei uns in Deutschland so unterging wie die gesamte Leichtathletik. Die Jugendlichen der Playstation-Generation wollen sich einfach nicht mehr schinden.

Sport1: Verkörpert Olympia für Sie immer noch die große Faszination?

Hingsen: Sportlich schon. Es bleibt die größte Veranstaltung der Welt, viel größer als eine Fußball-WM. Olympia ist für mich immer insgesamt noch positiv besetzt. Ich bin sicher, dass sich die Chinesen mit und nach Olympia weiter öffnen werden. Nicht zuletzt wegen der Tibet-Probleme im Vorfeld. Selbst ein totalitäres Regime, wie es das chinesische derzeit noch ist, muss in naher Zukunft einfach loslassen. Und die Impulse kommen oft vom Sport. Erst wenn sich der politisch erpressen lässt, brauchen wir keine Olympischen Spiele mehr.

Sport1: Würden Sie sich fürs das IOC engagieren?

Hingsen: Das würde mich schon interessieren, ich bin ja mit 50 im richtigen, fortgeschrittenen Alter und würde gerne mithelfen, Probleme zu lösen oder mich für bestimmte Sport-Themen einzusetzen. Zum Glück ist Präsident Jacques Rogge ein integrer Mann, das Image des IOC müsste aber noch weiter verbessert werden. Es war und ist sicher nicht alles Gold, was im IOC glänzt. Ex-Präsident Juan Samaranch zum Beispiel lebte wie ein Fürst. Jetzt sind die Dinge viel besser reguliert. Vor allem Thomas Bach nimmt meines Erachtens eine starke Position ein, den könnte ich mir gut als nächsten IOC-Präsidenten vorstellen.

Sport1: Was müsste für den Sport getan werden?

Hingsen: Zum Beispiel der Schulsport müsste gefördert werden. Das ganze System muss neu aufbereitet werden. Die Leichathletik beispielsweise hat doch immer von den Schulen gelebt, die dann Talente an die Vereine weitergaben. Aber dieses gute System ist völlig zusammengebrochen. Unsere Kinder haben nicht einmal zwei ganze obligatorische Schulsportstunden pro Woche. Das muss man sich mal vorstellen! Ich plädiere für Sport am Nachmittag, nach amerikanischem System.

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