vergrößernverkleinern
Jürgen Hingsen verkörperte über Jahre hinweg Weltklasse © getty

Jürgen Hingsen übt im 2. Teil des Interviews der Woche auf Sport1.de Kritik am Fußball.

Von Conny Konzack

Sport1: Was ist gegen Doping zu tun?

Hingsen: Ein ganz heikles Thema. Ich habe Angst, dass sich junge Leute wegen dieser ständigen Negativschlagzeilen nicht mehr dem Sport widmen.

Sport1: In Peking glänzen die deutschen Leichtathleten nicht gerade. Was muss der Verband jetzt tun?

Hingsen: Es macht mich traurig anzusehen, wie desolat sich im Augenblick die deutsche Leichtathletik darstellt. Der Wintersport macht es der Leichtathletik vor. Die haben jedes Jahr neue Talente, immer wieder Goldmedaillen-Kandidaten und auch das Thema Doping im Griff. Ein Patenschafts-Konzept muss her! Und wir brauchen einfach ein erhöhtes Engagement in den Grundsportarten! Das Computer-Zeitalter führt zu Bewegungsmangel, die Verfettung der Kinder wird immer größer, die Gesundheit immer geringer. Wir müssen unseren Kindern wieder andere Impulse geben.

Sport1: Verliert der "Restsport" immer mehr gegen König Fußball?

Hingsen: Leider ja! Aber offensichtlich ist es für die heutige Jugend interessanter, wenn ein Fußball-Profi fünf, sechs Autos fährt. Die überziehen doch völlig und können die Wertigkeiten nicht mehr richtig einschätzen. Auch ein Klub wie der FC Bayern sollte sich meines Erachtens mal mit den Spielern über Normalitäten unterhalten. Die sind doch alle Testimonials - nicht nur für die Autofirmen, sondern für die Jugend.

Sport1: Was passt Ihnen nicht an den deutschen Fußballern?

Hingsen: Viele von denen bilden sich zu viel ein, nur weil sie ein bisschen kicken können. Denen werden Millionen in den Hintern geblasen, und wenn sie aufhören, merken Sie, dass ihnen Berufsqualifikationen fehlen. Ein Franz Beckenbauer war doch auch immer in seinem Leben bereit, dazuzulernen. Das vermisse ich bei den Profis von heute. Es kann doch nicht sein, dass sich unsere hochbezahlten Kicker diesen Dingen entziehen, sie haben eine soziale Verpflichtung. Doch leider gibt es immer noch viele gute Fußballer, die ihr Leben nach dem Sport nicht im Griff haben.

Sport1: Welche Lösungen haben Sie?

Hingsen: Hollands Ex-Weltklassespieler Johan Cruyff hat jetzt eine Stiftung für Sozialfälle im Sport gegründet, um gesellschaftlich gefallene Sportler wieder zu integrieren - das sind zum Beispiel Dinge, die ich in Deutschland gerne mit aufbauen möchte. Wir brauchen eine Beratung für Sportler! Ich kenne noch keine Agentur, die Sportler richtig und ganzheitlich berät. Die reagieren nur, wollen Kohle verdienen, aber investieren nicht. Die sollten ihre Talente beraten und darauf vorbereiten, wie man zum Beispiel Niederlagen verarbeitet.

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel