vergrößernverkleinern
Christian Gille (v.) und Tomasz Wylenzek freuen sich über zwei Medaillen © imago

Gemischte Gefühle bei den Kanuten: Der Athen-Olympiasieger weint wie ein Schlosshund, ein Duo rettet sich aus einem "halben Koma".

Peking - Das erwartete goldene Finale für die deutschen Kanuten blieb aus, am Ende überwog die Enttäuschung.

Der für unschlagbar gehaltene Zweierkajak Ronald Rauhe/Tim Wieskötter schrammte am zweiten Finaltag umgerechnet 51,3 Zentimeter am Olympiasieg vorbei, Fanny Fischer/Nicole Reinhardt landeten gar nur auf dem enttäuschenden vierten Platz.

Zur passablen Gesamtbilanz mit zweimal Gold und insgesamt sieben Medaillen steuerten zum Abschluss noch Katrin Wagner-Augustin und die Zweiercanadier Christian Gille/Tomasz Wylenzek Bronze bei.

Das Canadier-Duo rettete sich einen Tag nach dem Kreislaufkollaps von Wylenzek im Anschluss an den zweiten Platz über 1000 m auch über die halbe Distanz auf das Podest. "Ich war wieder topfit, nachdem ich gestern halb im Koma gelegen habe. Zwei Medaillen, das ist doch Wahnsinn", sagte der 25-Jährige.

Erste Niederlage seit acht Jahren

Athen-Olympiasieger Ronald Rauhe weinte dagegen nach der ersten Niederlage seit Olympiabronze vor acht Jahren wie ein Schlosshund: "Noch zwei oder drei Meter mehr, und wir hätten die Spanier geschlagen. Jetzt brauchen wir erstmal ein paar Tage, um uns über Silber freuen zu können."

Die EM-Zweiten Saul Craviotto/Carlos Perez hatten das deutsche Paradeboot mit einem fulminanten Start überrascht.

Verbandspräsident Olaf Heukrodt fand die zweite "Halbzeit" denn auch ernüchternd. "Da kann ich nicht euphorisch sein - wir hatten noch mit zwei Goldenen gerechnet", sagte der Canadier-Olympiasieger von 1988 und fügte hinzu: "Das tut weh, vor allem den Sportlern. Insgesamt können wir mit sieben Medaillen aber ganz zufrieden sein - aber die Farben sollten anders sein."

"Das war nicht unser Tag"

Fanny Fischer konnte sich mit geröteten Augen auch nicht mehr richtig über den Viererkajak-Erfolg vom Vortag freuen. "Das war nicht unser Tag", sagte die 21-Jährige.

Wagner-Augustin war freilich über die erste Einerkajak-Medaille der deutschen Kanutinnen seit dem Sieg von Birgit Fischer 1992 in Barcelona restlos glücklich und küsste nach der Siegerehrung die Bronzeplakette.

"Das ist für mich wie eine Goldene. Ich bin superhappy. Ich war aufgeregt wie nie in meinem Leben - diese Medaille wollte ich unbedingt", meinte die 30-Jährige.

Lange Nacht im deutschen Haus

In Stendal hatte sich zum 80. Geburtstag des Opas die ganze Familie versammelt und am TV zugesehen. "Das war der richtige Auftakt für die Feier", meinte die viermalige Olympiasiegerin.

Auch für die deutschen Paddler begann nach dem Einpacken der Boote eine lange Nacht im deutschen Haus. Für tiefgründige Analysen war zwar noch keine Zeit, aber Sportdirektor Jens Kahl stellte fest: "Die Kanu-Welt kommt ins Rutschen. Da gerät man schon ins Grübeln."

Man habe zwar die Medaillenzahl von 2004 erreicht, aber es hätte schon eine goldene mehr sein können. In Athen standen vier Olympiasiege und dreimal Silber zu Buche.

Wylenzek bekommt Medaille

"Überraschend, was einzelne Länder so bei Olympia aus dem Ärmel zaubern", meinte Kahl. Neben der deutschen Flotte holten auch Ungarn und Weißrussland zwei Siege, schafften aber insgesamt nur vier bzw. drei Medaillen.

Am Ende des Renntages mit vielen knappen Entscheidungen durfte sich Wylenzek seine Silbermedaille vom Vortag in der VIP-Lounge auf der Tribüne abholen.

IOC-Vizepräsident und DOSB-Präsident Thomas Bach überreichte ihm "in aller Stille" das schwer erkämpfte Stück.

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel