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Eberhard Gienger war 1974 und 1978 Deutschlands Sportler des Jahres © getty

DOSB-Vize und Ex-Reckweltmeister Eberhard Gienger zieht bei Sport1 seine Olympia-Bilanz. Kann sich der deutsche Sport steigern?

Von Wolfgang Kleine

Peking/München - 16 Gold-, 10 Silber- und 15 Bronzemedaillen. Das ist die Bilanz der deutschen Olympia-Mannschaft bei den Sommerspielen in Peking.

Es gab Überraschungen, aber auch zahlreiche Enttäuschungen. Die Schwimmer und Leichtathleten sahen von der internationalen Konkurrenz meist nur die Hacken. Die Turner kamen mit dem blauen Auge davon. Und die erhofften Ruder-Medaillen fielen ins Wasser.

Ein Dopingfall in der deutschen Reiter-Szene überschattete die Wettbewerbe in Hongkong.

Mit Millionen von Euro wurde die "Operation Peking" finanziert. Hat sich der Aufwand gelohnt? Hat der deutsche Sport den Anschluss in einigen Disziplinen schon verloren? Wie kann man in Richtung London 2012 einige Rückstände aufholen?

Eberhard Gienger, DOSB-Vizepräsident und Mitglied des Bundestages, zieht im Interview mit Sport1.de seine persönliche Bilanz.

Der ehemalige Reck-Weltmeister (57) äußert sich über Überraschungen und Enttäuschungen in Peking, die Misere in der deutschen Leichtathletik, die Maßnahmen zur Leistungsförderung, das Doping-Problem und die außerirdischen Leistungen von Schwimmer Michael Phelps und Sprinter Usain Bolt.

Sport1: Herr Gienger, Wie sehen Sie die Leistungen der deutschen Olympia-Mannschaft?

Eberhard Gienger: Unser Ziel wurde klar erreicht. Wir haben den fünften Platz in der Nationenwertung belegt. Das ist ein Platz besser als in Athen. Und wir haben drei Goldmedaillen mehr gewonnen. Mit dem Ergebnis sind wir zufrieden, stellen aber gleichzeitig fest, dass in einigen Sportarten unsere Erwartungen nicht erfüllt wurden.

Sport1: Was haben Sie im Vorfeld unternommen?

Gienger: Wir haben 2006 damit begonnen, ein neues Steuerungsmodell und Förderkonzept einzuführen, das 2007 in der DOSB-Mitgliederversammlung beschlossen wurde. Im Frühjahr und Sommer 2008 haben wir mit den Sommer- und Winterverbänden Zielvereinbarungsgespräche weitestgehend abgeschlossen.

Sport1: Wie sieht es da für den Leichtathletik-Verband aus?

Gienger: Mit dem DLV werden noch weitere Gespräche geführt. Dabei wird es noch die eine oder andere Veränderung geben. Die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in London 2012 kann aber gleich nach den Spielen in Peking beginnen.

Sport1: Wird es auch personelle Konsequenzen geben?

Gienger: Der Schwimm-Verband hat schon vor längerer Zeit die Schaffung der Stelle eines Sportdirektors in Angriff genommen und jetzt während der Olympischen Spiele personell besetzt.

Sport1: Gibt es auch Positives?

Gienger: Ja, wir haben Athletinnen und Athleten erlebt, die für erfreuliche Leistungen gesorgt haben. Es war eine große Freude, sie in den Wettkämpfen zu beobachten. Außerdem führte der Teamgeist in der Mannschaft zu einem Leistungsschub und mehr Goldmedaillen in mehr Sportarten als es in Athen der Fall war.

Sport1: Noch einmal zur Leichtathletik. Muss der DLV nach den schwachen Leistungen von Peking mit finanziellen Kürzungen rechnen?

Gienger: In der Vergangenheit wurden noch Ergebnisse der zurückliegenden Wettkämpfe gefördert, jetzt investieren wir in die Zukunft. Das gilt auch besonders für die Leichtathletik, wo es 47 Entscheidungen gibt und wir dieses Mal nur eine Medaille gewonnen haben. Das muss sich ändern.

Sport1: Was geschieht?

Gienger: Dem Leichtathletik-Verband werden wir im Gegenteil künftig erhebliche Mittel zur Verfügung stehen. Kurzfristig kann es jedoch noch keine gewaltigen Veränderungen geben, aber längerfristig müsste dies mit den Überlegungen des Verbandes zu Leistungssteigerungen führen.

Sport1: Es gab jetzt in Peking einen öffentlich ausgetragenen Streit zwischen Ex-Präsident Digel auf der einen Seite und dem amtieren DLV-Präsidenten Prokop sowie Cheftrainer Mallow auf der anderen Seite. Mallow hat Digel sogar als "Dummschwätzer" bezeichnet. Hat Mallow mit den Worten Recht?

Gienger: Das ist kein Thema, das über die Medien ausgetragen werden sollte. Bei den in Kürze stattfindenden Zielvereinbarungsgesprächen können verbandsinterne Meinungsverschiedenheiten ausgeräumt werden.

Sport1: Hat das nun auch personelle Konsequenzen im DLV?

Gienger: Bei einer Analyse, bei der Zahlen und Fakten auf den Tisch gelegt werden, sollten neue Wege beschritten werden, wie eine erfolgreiche Zukunft im DLV aussehen soll.

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