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Wurde mit Christian Gille 2004 Olympia-Sieger im Zweier-Canadier: Tomasz Wylenzek © imago

Einen Tag nach seinem Zusammenbruch sitzt Kanut Wylenzek wieder im Boot - und holt mit Christian Gille die nächste Medaille.

Peking - Aus dem Koma aufs Podest - Tomasz Wylenzek musste eine der unglaublichsten Geschichten dieser Olympischen Spiele immer wieder erzählen.

24 Stunden, nachdem die Kanu-Welt und Deutschlands Sportfans nach einem schweren Kreislaufkollaps noch um die Gesundheit des Athen-Olympiasiegers gefürchtet hatten, baumelten zwei Medaillen um seinen Hals.

Wylenzek hielt sie ganz fest, schaute sie immer wieder glücklich an und schüttelte fassungslos den Kopf.

Bronze folgt auf Silber

"Unglaublich, was da abgegangen ist. Den einen Tag habe ich schon die letzten 50 Meter des Rennens halb im Koma gelegen, werde vom Krankenwagen abgeholt und bin erst im Krankenhaus wieder aufgewacht", erzählte Wylenzek:

"Den nächsten Tag gehts mir richtig gut und ich kriege gleich zwei Olympia-Medaillen."

Auf dem Siegerpodest bekam der gebürtige Pole mit Christian Gille Bronze für die Fahrt über 500 Meter.

Die Silberne vom Vortag über 1000 Meter gabs anschließend in einer kleinen Zeremonie in der Lounge des Internationalen Kanu-Verbandes ICF von IOC-Vizepräsident Thomas Bach persönlich.

"Das war schön, aber ich hätte schon lieber mit Christian gemeinsam auf dem Siegerpodest gestanden", berichtete der 25-Jährige.

Handtasche statt Panzerschrank

Weil er zu dieser Zeit allerdings bewusstlos im Krankenhaus lag, hatte das Olympia-Organisationskomitee die wertvolle Plakette unter größten Sicherheitsvorkehrungen an den deutschen ICF-Präsidenten Ulrich Feldhoff übergeben.

Der reichte das wertvolle Teil weiter an "meinen persönlichen Panzerschrank" - und am nächsten Tag zauberte seine Frau Edith die Silberne zum Erstaunen der Beteiligten aus ihrer Handtasche:

"Das ist der beste Safe der Welt."

Dass Wylenzek am zweiten Finaltag überhaupt starten konnte, hatte er seinem Körper und der Kunst der Ärzte zu verdanken.

"So etwas habe ich in meiner Karriere noch nie erlebt. Tomek war über eine Minute bewusstlos, da macht man sich schon die größten Sorgen", meinte Trainer Kay Vesely auch mit Blick auf den Tod des ungarischen Kanuten György Kolonics in diesem Jahr.

Interview gibt Wylenzek den Rest

Um für seinen erkälteten Bootspartner Gille mitzupaddeln, hatte Wylenzek sich im Kampf um Gold über 1000 Meter überanstrengt.

Die beiden fielen nach der Ziellinie ins Wasser. "Zum Glück waren die Rettungsboote schnell da. Wir wären sonst ertrunken", meinte Gille danach.

Wylenzek legte sich flach auf den Bootssteg, danach brach er beim TV-Interview zusammen und wurde abtransportiert.

Als Held in die Heimat

Der Essener übergab sich ("Ich habe so richtig gekotzt und wollte nur noch nach Hause"), bekam eine Infusion, konnte aber das Krankenhaus schnell wieder verlassen.

Am nächsten Tag gab der Arzt nach einem EKG grünes Licht für den Start und Wylenzek plus Gille holten sich ihre zweite Medaille.

Dass sie ihren zweiten Olympiasieg über 1000 Meter hauchdünn verpasst hatten, konnte Wylenzek nach den verrücktesten 24 Stunden seines Lebens verschmerzen:

"Natürlich wollten wir diese Goldmedaille. Aber nach dieser Geschichte kann ich mit zwei Medaillen doch wirklich zufrieden sein. Wenn du nämlich im deutschen Kanu-Team keine Medaille gewinnst, bist du ein Versager."

Er fährt als Held nach Hause.

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