Das wahre China wollten die Chinesen der Welt bei diesen Olympischen Spielen in Peking präsentieren. Doch nach dem Ende der Wettkämpfe bleiben massive Zweifel. Marcel Grzanna berichtet aus Peking.

Peking - Das wahre China wollten die Chinesen der Welt bei diesen Olympischen Spielen in Peking präsentieren. Doch nach dem Ende der Wettkämpfe bleiben massive Zweifel.

Es begann mit kleinen Details bei der Eröffnungsfeier, die nicht echt wahren. Es setzte sich fort über Zuschauer in den Arenen und Menschen auf dem Olympiagelände, die herangekarrt wurden, um der Veranstaltung dort Leben einzuhauchen, wo ihr Herz schlägt.

Und es gipfelte in der verweigerten freien Berichterstattung, die zwar versprochen war, aber die es nicht gab, und es deshalb unmöglich machte, hinter glänzende Fassaden zu schauen.

Also, wie in aller Welt soll man unter solchen Umständen das wahre China entdecken? Die Antwort ist ganz einfach. Es gibt gar nicht so viel zu entdecken. Die Welt hat das wahre China gesehen.

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In einem politischen Raum mit totalitärer Atmosphäre zählt exzessive Propaganda zu den Instrumenten der Mächtigen. Wenn die mehr als 20.000 Medienleute die Stadt verlassen haben werden, dann wird sich keine Glocke heben, und das echte China kommt wieder zum Vorschein.

Denn das echte China, das alltägliche China, ist eben auch ein Land der Fassade. Ein Land, in dem es Zebrastreifen gibt, aber nicht einmal Polizeifahrzeuge davor anhalten, wenn eine Mutter mit Kind die Straße überqueren will.

Ein Land, das Gesetze einführt gegen den Diebstahl des geistigen Eigentums, aber das die Reisebusse mit den Touristen in die mehrstöckigen Kaufhäuser mit gefälschten Markenwaren in Peking lotst.

Und es ist ein Land, in dem die staatlich gelenkte Nachrichtenagentur Xinhua die Wahrheiten exklusiv über den Ticker gibt.

Natürlich existiert dahinter auch eine andere Realität, von der immer mal wieder etwas durchsickert und den Westen dazu verleitet, hart mit dem System ins Gericht zu gehen.

Der deutsche IOC-Vizepräsident Thomas Bach zählt übrigens zu denjenigen, die nicht an eine andere Realität glauben. Das hat er gesagt. Aber er ist nicht allein mit dieser Annahme.

Denn für viele der 1,3 Milliarden Chinesen ist diese Realität ebenfalls nicht existent. Viele wissen schlicht nichts von der brutalen Härte des Machtapparats gegen alle diejenigen, die ihn herausfordern. Sie glauben an dessen Fairness.

Und es sind schmerzhafte und verwirrende Prozesse, die einige Chinesen durchlaufen, wenn sie mit der anderen Seite konfrontiert werden und beginnen, ihre ursprüngliche Realität in Frage zu stellen. Thomas Bach hätte es wissen müssen, hält aber aus strategischen Gründen den Mund.

Dass Chinas Schattenseiten auch während der Olympischen Spiele nicht problemlos beleuchtet werden können, hatte sich in diesem Jahr früh abgezeichnet. Schon während der Tibetkrise war klar, dass die zugesagte Reise- und Pressefreiheit nicht das erhoffte olympische Maß erreichen würde.

Spätestens als China zu Beginn der Kernzeit der Spiele am 27. Juli sich noch immer weigerte, Journalisten recherchieren zu lassen, wie diese es erwartet hatten, entpuppten sich alle Versprechungen als Schall und Rauch.

Und das Internationale Olympische Komitee (IOC) gab den Kasperl im Theater und offenbarte seine völlige Hilflosigkeit im Kräftemessen mit den Gastgebern. Alle Forderungen aus den Jahren 2001 und danach wurden weich gespült.

Natürlich kann das IOC keine politischen Probleme lösen. Es hat aber die Wahl, seinen Unmut über die Form der eigenen Behandlung zu äußern oder eben nicht, also eine Position zu beziehen. Das IOC bevorzugte es, drei Wochen lang alles hinzunehmen und schön zu reden.

Doch trotz Lügen, Täuschung und Machtkalkül um jeden Preis gibt es viele, viele Gewinner jenseits der Wettkampfstätten. Dort, wo das enge Regelkorsett den chinesischen Menschen Raum gelassen hat, haben sie an Charme und Liebenswürdigkeit, die ihnen in die Wiege gelegt wurden, alles ausgespielt. Nicht mit Berechnung, sondern herzlich, ausgerüstet mit einer schier endlosen Neugier auf die Gäste aus aller Welt und einer enormen Bereitschaft, sich als gute Gastgeber präsentieren zu wollen.

Und so bleibt neben dem bitteren Geschmack der vielen faulen Tricks das gute Gefühl, in diesem Land willkommen zu sein von Menschen, die ihre Realität für nicht so schlecht halten, wie der Westen es glaubt.

Marcel Grzanna, Jahrgang 1973, ist seit Mai 2007 freier Korrespondent für deutsche Medien und war für Sport1.de bei den Olympischen Spielen in Peking hautnah dabei. Er berichtet als Asienreporter über Politik, Sport, Gesellschaft, Soziales bis hin zu Wirtschaft. Zuvor war Grzanna Redakteur beim Sportinformationsdienst.

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