Istanbul hat sich wenige Stunden vor der mit Spannung erwarteten Vergabe der Olympischen Spiele 2020 als junge, blühende Metropole präsentiert. Premierminister Recep Tayyip Erdogan appellierte im Rahmen der Vorstellung der Stadt vor der IOC-Session in Buenos Aires an die IOC-Mitglieder, "gemeinsam Brücken zu bauen und gemeinsam Geschichte zu schreiben".

Der Staatschef, der wegen seines harten Vorgehens bei den jüngsten Protesten in seinem Land weltweit in der Kritik gestanden hatte, gab sich im Rahmen der 45-minütigen Präsentation vor den IOC-Mitgliedern tolerant und weltoffen.

"Eine Sprache ist wichtiger als alle anderen, die Sprache des Herzens. Wir wollen eine Botschaft des Friedens und der Freundschaft in die Welt aussenden", sagte Erdogan. Istanbul habe "den Willen und das Potenzial, die Spiele auszutragen".

Während er innenpolitische Probleme außen vor ließ, streifte der direkt vom G20-Gipfel in St. Petersburg eingeflogene Erdogan die angespannte Situation in Vorderasien, von der auch die Türkei als Nachbar Syriens direkt betroffen ist.

Erdogan sprach von "unserer Region, die den Frieden dringend braucht". Man sehe "die Olympischen Ringe als Zeichen des Friedens, der Freundschaft und des Respekts".

Istanbul war unter dem Slogan "Bridge together" in Buenos Aires angetreten und präsentierte sich am Entscheidungstag als erster Bewerber. Den Konkurrenten Tokio und Madrid standen danach ebenfalls noch jeweils 45 Minuten zur Verfügung, um die IOC-Mitglieder zu überzeugen.

"Das ist unsere fünfte Bewerbung. Wir haben viel gelernt", sagte Istanbuls Bewerbungschef Hasan Arat. Dennoch gilt Istanbul im engen Rennen um den Milliarden-Jackpot Olympia als Kandidat mit den geringsten Chancen.

Die jüngsten Unruhen in der Stadt und das gewaltame Vorgehen Erdogans gegen Demonstranten versetzten der Bewerbung einen Schlag. Auch die Nachbarschaft zu Syrien könnte von den IOC-Mitgliedern als problematisch gewertet haben, obwohl viele von ihnen dies bestreiten.

Obwohl Istanbul bei seinem fünften Bewerbungsversuch das bislang mit Abstand beste Angebot unterbreitete, dürften weitere Zweifel bleiben. Viele Sportstätten müssten noch gebaut werden, inklusive des Stadions für Eröffnungs- und Schlussfeier.

Von den großen Austragungsstätten existiert bislang nur das Atatürk-Stadion (Leichtathletik). Ob die IOC-Mitglieder Istanbul diesen Kraftakt zutrauen, ist fraglich. Derzeit bereitet ihnen schon Rio de Janeiro, der Gastgeber der Spiele 2016, gerade im Hinblick auf die Infrakstruktur große Sorgen.

Fragen der IOC-Mitglieder nach der Präsentation betrafen dann auch vor allem die Verkehrssituation und die Infrastruktur in Istanbul. Auch der Anti-Doping-Kampf wurde angesprochen, nicht aber die innenpolitische Problematik.

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