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Es flossen Tränen: Torsten Jansen (l.) und Oliver Köhrmann © imago

"Mir fehlte die absolute Leidenschaft", sagt Experte Hanning. Heiner Brand wird umbauen. Sport1.de nennt mögliche Kandidaten.

Von Michael Schwartz

Peking/München - Johannes Bitter weinte nach dem Aus der deutschen Handballer.

Michael Kraus saß alleine auf der deutschen Bank und starrte ins Nichts.

Als Mitfavorit auf Gold gestartet, sind Deutschlands Handball-Weltmeister bereits in der Vorrunde des olympischen Turniers gescheitert.

Nach dem 21:27 gegen Europameister Dänemark fehlten letztlich zehn Tore, um die Runde der besten Acht zu erreichen.

"Was sich schon angedeutet hatte, wurde nun zur bitteren Gewissheit. Das ganze Turnier lief nicht in unserem Sinne, auch nicht, was unsere eigenen Möglichkeiten betraf", sagte Bundestrainer Heiner Brand, der als Erster wieder die Fassung erlangte.

Er stellte fest: "Ich hatte Probleme mit der Mentalität mancher Leute, die Torchancen nicht mit vollstem Einsatz wahrgenommen haben. Jeder weiß, dass man im Notfall mit dem Ball ins Tor springen muss!"

Keine Schützenhilfe

Es waren Kleinigkeiten, die zum Einzug in die nächste Runde fehlten. Wäre der späte Ausgleich der Russen beim 24:24 gegen Deutschland nicht gefallen.

Hätte Südkorea gegen den Rekord-Olympiasieger Schützenhilfe geleistet.

Hätten die Dänen nicht bei einem Freiwurf in letzter Sekunde gegen Russland Glück gehabt.

Leistungen "sehr bescheiden"

Doch zum Podest fehlt viel mehr. Eineinhalb Jahre nach dem Gewinn des WM-Titels im eigenen Land hinkte die deutsche Mannschaft das gesamte Turnier über den eigenen Ansprüchen hinterher.

"Was wir hier abgeliefert haben, war natürlich sehr bescheiden. Das ist bitter für alle, ganz besonders aber für die, deren Nationalmannschaftskarriere nun dem Ende zugeht. Es wird nun ganz schwer, dieses Turnier aus den Köpfen zu bekommen", sagte der Nordhorner Holger Glandorf.

"Das war meine bitterste Lektion. Ich hoffe, dass ich selber daraus lerne, und das sollte jeder von uns tun. Jeder muss sich selber fragen, ob er wirklich alles gegeben und alles hinten angestellt hat", sagte Torwart Johannes Bitter. Auch Abwehrchef Oliver Roggisch meinte, jeder Einzelne habe "sicher nicht alles gegeben für den Erfolg".

Viele Ausfälle

Eine Erklärung waren die fehlenden personellen Alternativen im Rückraum. Ohne die Verletzten Pascal Hens, Oleg Velyky und Lars Kaufmann sowie den zurückgetretenen Markus Baur mangelte es an Durchschlagskraft.

"Sicher ist es richtig, dass gleich vier etablierte Rückraumspieler innerhalb eines halben Jahres ausgefallen sind. Aber wir hatten ungeachtet dessen die Möglichkeit, hier ins Viertelfinale vorzustoßen. Eine plausible Erklärung für das Ganze habe ich bislang noch nicht", meinte Glandorf.

"Viele Jahre viel Freude"

Die könnte Bob Hanning, Geschäftsführer der Füchse Berlin und früherer Co-Trainer von Heiner Brand, gefunden haben. "Mir fehlte die absolute Leidenschaft, dieser Spirit, der während der WM auf der Tribüne zu spüren war", sagte Hanning im Gespräch mit Sport1.de.

Er will jedoch nicht alles schlecht machen: "Die DHB-Auswahl hat uns viele Jahre viel Freude bereitet, jetzt muss man auch mal mit so einem Abschneiden leben können. Zufrieden sein darf man aber damit nicht."

Schwarzer tritt ab

Vor allem Heiner Brand wird es nicht sein. Der Bundestrainer, ein akribischer Arbeiter. Ein Perfektionist.

Nach Peking wird es einen Schnitt geben. Sicher ist, dass Christian Schwarzer nach seinem zweiten Comeback endgültig aus der DHB-Auswahl abtritt.

Viele Fragen

Weitere Spieler könnten folgen.

Was wird aus Henning Fritz? In Peking war der WM-Held, der im September 34 Jahre alt wird, nur noch die Nummer zwei hinter Johannes Bitter. Silvio Heinevetter vom SC Magdeburg steht bereit, auch Carsten Lichtlein (Lemgo) wird den Druck erhöhen.

Bekommt Christian Zeitz eine Pause? Der 27-Jährige war im rechten Rückraum keine Alternative zu einem allenfalls durchschnittlichen Holger Glandorf. Seit Monaten immer wieder von Verletzungen zurückgeworfen, hinkt Zeitz seiner Form hinterher. Rolf Hermann (Lemgo) und Michael Müller (TV Großwallstadt) könnten ihre Chance bekommen.

Was passiert am Kreis? Christian Schwarzer tritt ab, Andrej Klimovets (34) kommt in die Jahre. Sebastian Preiß (Lemgo) dürfte wieder ins DHB-Team zurückkehren, Rico Göde (Berlin) und der allerdings abwehrschwache Christoph Theuerkauf (Magdeburg) wären weiteren Kandidaten.

Wer wird zweiter Mann auf der Mitte? Michael Kraus ist nach einem starken Turnier gesetzt, Oliver Köhrmann (Großwallstadt) konnte nicht immer überzeugen. Martin Strobel (Lemgo) gehört die Zukunft, auch Oleg Velyky könnte nach überstandenem Kreuzbandriss Verantwortung übernehmen.

Blick Richtung 2012

Auf Linksaußen ist die DHB-Auswahl mit Torsten Jansen (HSV) und Dominik Klein (Kiel) erstklassig besetzt, hinter dem gesetzten Florian Kehrmann auf Rechtsaußen könnte Christian Sprenger (Magdeburg) eine Chance bekommen. An Abwehr-Ass Oliver Roggisch (Löwen) führt kein Weg vorbei.

Bleibt der linke Rückraum, nach den vielen Ausfällen die Problem-Position in Peking. Für Pascal Hens (HSV) wird es wegen der Knieverletzung eng mit der WM. Lars Kaufmann stünde bereit, doch die Leistungen des Lemgoers waren meist nicht konstant genug.

Oleg Velyky ist gesetzt, wenn er fit ist. Falls nicht? Sven-Sören Christophersen (Wetzlar) und Arne Niemeyer vom HSV könnten eine Chance bekommen.

"Wir wissen noch nicht, mit welcher Mannschaft wir bei der WM spielen werden. Es gibt keinen Grund, alles umzukrempeln. Es wird aber ein paar Veränderungen geben, da ich mittelfristig plane", sagte Brand am Dienstag.

Mit Blick auf London 2012 macht zudem der Nachwuchs Mut.

Die Jugend wurde Europameister, die Junioren Vize-Europameister.

Brand hat es wohlwollend zur Kenntnis genommen.

Ein Lichtblick nach der Enttäuschung von Peking.

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