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Carsten Fischer bestritt 259 Länderspiele für Deutschland und gewann 1992 Olympia-Gold © getty

Im SPORT1-Interview spricht 1992-Olympiasieger Carsten Fischer über das deutsche Triumphteam und Bundestrainer Markus Weise.

Von Rainer Nachtwey

München/Mülheim - Kurz bevor es los ging, rief sich Carsten Fischer noch einmal die Bilder von 1992 ins Gedächtnis.

Die zwei Tore von Michael Hilgers, die Emotionen nach dem Schlusspfiff, der gemeinsame Jubel mit der Mannschaft.

Dann verfolgte der Olympiasieger von Barcelona am Fernseher den 2:1-Erfolg der Auswahl von Bundestrainer Markus Weise im Hockey-Finale gegen die Niederlande (Hockey-Helden lassen es auf Traumschiff krachen).

"Wir haben sehr viel gegrölt und geschrien", beschreibt Fischer bei SPORT1 die 70 Minuten gegen die Niederlande. "Es war ja mit dem späten 2:1 ein wirklich spannendes Spiel."

Im SPORT1-Interview spricht 1992-Olympiasieger Fischer über Erfolgsgarant Weise, das Niveau des Hockey-Turniers und die gestiegene Aufmerksamkeit für Hockey.

SPORT1: Herr Fischer, was die Mannschaft in diesem Turnier ausgezeichnet hat, war nach Rückschlägen stets zurückzukommen - wie bereits 2008 in Peking. Beides Mal durfte sie dann den Olympiasieg feiern. Was ist das Geheimrezept dieser Mannschaft?

Carsten Fischer: Ich kenne den Bundestrainer zwar nicht persönlich, aber mir scheint, er hat ein ziemlich gutes Händchen. Er hat es nach allen drei kritischen Phasen geschafft, die Mannschaft wieder aufzubauen, so dass sie wieder 110 Prozent leisten kann. Durch die erste Niederlage gegen Holland waren sie gewarnt, auch ein wenig der Außenseiter und natürlich noch motivierter, sich zu revanchieren (598333DIASHOW: Die Bilder des Tages).

SPORT1: Im Finale stand mit Jan Philipp Rabente auf einmal ein Spieler im Mittelpunkt, der das Spiel mit seinen beiden Toren entschieden hat. 1992 war es mit Michael Hilgers ähnlich. Wie kommt es, dass es manchmal bei einem Spieler einfach klick macht und er so aufdreht?

Fischer: Die Niederländer hatten Rabente schon als gefährlichen Spieler auf der Liste, da er ähnlich wie sie selbst schnell spielt. Der erste Treffer war ein typisches Rabbi-Tor, wie er es auch häufig hier bei Uhlenhorst Mülheim zeigt. Das zweite Tor war ja angeblich nicht regelkonform, aber ist auch egal, denn ich finde es toll, dass er in dieser Szene weitergespielt hat und den Ball reingemacht hat. Wie Michael Hilgers 1992 hatte er einfach das Glück, am richtigen Fleck zu stehen.

[kaltura id="0_d03v4q39" class="full_size" title="Deutsche Goldhelden in Feierlaune"]

SPORT1: So ein Sieg über die Niederlande, schmeckt der besonders gut?

Fischer: Sagen wir es mal so: Die Konkurrenz zu den Niederlanden war in Europa immer sehr groß. Auf dem Platz haben wir uns nie geliebt, danach konnten wir immer gut miteinander umgehen. Mit Sicherheit ist der Ehrgeiz, die Niederländer zu besiegen, größer, als zum Beispiel Frankreich zu schlagen.

SPORT1: Am Ende belegten die Teams die vorderen Plätze, von denen es erwartet wurde. Wie sehen Sie das Niveau des Turniers?

Fischer: Ich glaube, dass das Turnier bei den ersten sechs Teams sehr gut besetzt war. Wenn ich Pakistan als Siebten sehe, dann bin ich da schon deutlich von der Weltspitze weg. Die ersten sechs Teams fand ich doch recht griffig, danach war es abfallend.

SPORT1: Ist das generell im Hockey so, dass bei großen Turnieren das Leistungsgefälle recht groß ist?

Fischer: Früher war es mit Indien und Pakistan noch nicht so. Da waren in jeder Gruppe drei bis vier Mannschaften, die für ein Halbfinale stark genug waren. Jetzt sind es halt nur noch drei Teams, die gefühlt pro Gruppe die nächste Runde erreichen können.

SPORT1: Hockey steht zumeist ja nur alle vier Jahre im Fokus, wenn nicht gerade eine WM oder EM in Deutschland ausgetragen wird. Wie schaffen es die Vereine und der Verband doch immer wieder, so eine schlagkräftige Truppe zu formieren?

Fischer: Die Bundesliga ist eine gute Liga, die auch international mithalten kann. Ich glaube auch, dass es mit der finanziellen Situation zusammenhängt. In Deutschland kann man nicht so viel verdienen und dann sind die Olympischen Spiele doch ein größerer Anreiz.

SPORT1: War es für den Hockey-Sport hilfreich, dass andere Mannschaftssportarten wie Basketball und Handball nicht dabei waren?

Fischer: Ich finde es zunächst mal schade, dass nur die Volleyballer dabei waren. Für Hockey war es natürlich besser, da die Aufmerksamkeit doch verstärkt auf der Mannschaft lag. Das tut dem Hockey gut. Ich denke, die DHB-Jungs werden deshalb auch dieses Jahr Mannschaft des Jahres (SERVICE: Der Medaillenspiegel).

SPORT1: War Natascha Keller als deutsche Fahnenträgerin noch ein zusätzliches Plus für das deutsche Hockey?

Fischer: Ich denke schon, auch wenn die Damen leider nur Siebter geworden sind. 1996 hätte eigentlich ich die Fahne tragen sollen, aber dann Arnd Schmitt als Athletensprecher das übernommen. Jetzt hat es endlich eine Hockey-Spielerin geschafft und das freut mich sehr.

SPORT1: Worin war das Scheitern der Damen begründet?

Fischer: Die Gruppe war schwerer und die Leistungsdichte ist etwas höher als bei den Männern. Mit einer Niederlage und einem Punktverlust stehst Du dann ganz schnell unter Druck.

SPORT1: Natascha Keller und Fanny Rinne waren bzw. sind Namen, mit denen auch der allgemein Sportinteressierte Deutsche Hockey in Verbindung bringt. Was bedeutet der Rücktritt der beiden und des dritten Golden Girls von Athen Mandy Haase für das Damen-Hockey?

Fischer: Es ist natürlich bedauerlich, dass die drei alten Hasen aufhören, aber ich mache mir keine Sorgen um den Nachwuchs. Es kommen so viele junge Spielerinnen mit außergewöhnlichen körperlichen Fähigkeiten nach, dass beim nächsten Turnier in vier Jahren wieder eine gute Mannschaft bereitstehen kann. Das Potenzial im Damen-Hockey ist riesengroß.

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