Usain, der Unglaubliche
Von Martin Hoffmann
München - Der verschlafene Start. Die Posierer-Mätzchen noch mitten auf Strecke. Die offenen Schnürsenkel.
Und wie er hinterher die Geschichte mit den vorher verspeisten Hähnchen-Nuggets erzählte, während er sich einen Schokoriegel in den Mund schob.
Die Elemente hören sich an wie eine dieser Geschichten von den liebenswerten Verlierer-Exoten: Eddie the Eagle, Eric die Ente.
Stattdessen ist es die Geschichte von Usain, dem Unglaublichen.
Dreifach-Gold wieder das Ziel
In 9,69 Sekunden eroberte Usain St. Leo Bolt vor vier Jahren bei Olympia in Peking die größte Bühne, die die Welt einem Einzelsportler zu bieten hat.
Nun ist der 100-m-Sprinter aus Trelawny auf Jamaika bald wieder an ihr angelangt. Und natürlich will er den Triumph in London wiederholen. Und natürlich auch wieder 200-m- und Staffel-Gold als Dreingabe.
Und natürlich auch wieder mit einer Zeit, die die Menschheit noch nicht gesehen hat.
So wie zuletzt in Berlin 2009, als Bolt den Weltrekord auf beiden Strecken nochmal so eben um elf Hundertstel unterbot.
"Dann werde ich eine lebende Legende"
"Die Leute freuen sich darauf, dass ich die 9,4 laufe, die 19 Sekunden, alles was unglaublich ist", hat Bolt der "BBC"“ erklärt: "Also arbeite ich möglichst hart um so schnell wie möglich zu laufen."
Die Rechnung sei ja ganz einfach: "Wenn ich Olympia dominiere, werde ich eine lebende Legende. Eine lebende Legende, die durch die Gegend läuft. Klingt doch gut."
So einfach klingt es bei Bolt, dem Lässigen. Und so einfach sieht es ja auch aus, wenn eine eben noch menschenunmöglich scheinende Marke unter seinen Schuhen zu Pulver wird.
Ehrendoktor und Werbe-Zugpferd
Die Leichtigkeit ist neben den Geschwindigkeitsrekorden der andere Kern der Marke Bolt.
Der andere Grund, warum Prominente von Prinz Harry bis Bastian Schweinsteiger freudig vor Kameras mit Bolt herumposieren, warum sein Heimatland ihn mit Ehrendoktor- und Botschaftertiteln überhäuft, warum diverse Milliardenfirmen mit dem schnellen Bolt für ihre schnellen Produkte werben.
Weil der Mann, der laut "Forbes" mit 20,3 Millionen Dollar Jahresverdienst der reichste Leichtathlet der Welt ist, das wohlige Gefühl vermittelt, dass er all das, wofür er steht, ganz locker und entspannt vollbringt.
Ein biomechanisches Phänomen
Es steckt logischerweise mehr dahinter, viel mehr. Wissenschaftler verschiedener Richtungen haben sich in den letzten vier Jahren darangesetzt das Phänomen zu ergründen.
Sie haben ergründet, dass Bolt ein biomechanisches Phänomen ist.
Der 1,96-Meter-Mann nutzt seinen Größenvorteil, die längeren Schritte. Der Größennachteil, dass er mit seiner größeren Masse entscheidend länger für die Beschleunigung brauchen müsste, scheint für ihn aber schlicht nicht zu gelten.
Bolt profitiert von einer außergewöhnlichen Beschaffenheit seiner Füße, die sich so gut verbiegen können, dass sie beim Laufen kaum den Boden berühren - dabei aber gleichzeitig genau so viel Kraft auf den Boden bringen, wie er zum richtigen Abfedern braucht.
Der Anti-Doping-Beauftragte ist sein Arzt
Wissenschaftliche Studien scheinen das Phänomen Bolt minutiös ergründet zu haben, nicht so minutiös ergründet ist derweil die ewige Frage ob die Leistungen des Unglaublichen trotz aller Veranlagung nicht zu unglaublich sind.
Skeptiker verweisen auf einschlägige Erfahrungen in einer dopinganfälligen Disziplin, mangelnde Kontrollmöglichkeiten und -willen im kommerziellen Sport allgemein und in der Sprint-Nation Jamaika, wo der Anti-Doping-Beauftragte zugleich Bolts Teamarzt ist, im Speziellen.
Die Zweifel werden nicht verschwinden, egal was in London passiert. Ebenso gewiss ist aber, dass eine erneute Glanzleistung sie abermals an den Rand drängen würde.
Landsmann Blake attackiert den Thron
Bolts größeres Problem ist, dass ein anderer Sprint-Gladiator ihm seit Neuestem seine Herrscherrolle streitig macht.
Trainingspartner Yohan Blake hat Bolt bei den Jamaika-Trials in beiden Paradedisziplinen besiegt - und Bolt über die 200 m die erste Pleite seit fünf Jahren zugefügt.
Hinterher waren die Kratzer in Bolts sonst so unbekümmerte Selbstsicherheit spürbar, auch wenn er hinterher mit Blick auf Olympia versicherte: "Ich weiß, was ich tun muss."
Schuhe richtig zubinden sollte diesmal ein Anfang sein.
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